B4T: 2026 findet die BIM World MUNICH zum zehnten Mal statt. Wenn Sie zurückblicken: Was hat Sie in diesen zehn Jahren am meisten überrascht?
Christian Stammel: Vor allem die Geschwindigkeit, mit der sich das Themenspektrum erweitert hat. Als wir gestartet sind, mussten wir zunächst erklären, was BIM überhaupt ist. Damals ging es sehr stark um Software, Modellierung, Standards und die Frage: Wie bekommen wir BIM in alle Gewerke? Heute führen wir eine völlig andere Diskussion. Wir sprechen über Künstliche Intelligenz, digitale Zwillinge, Robotik, automatisierte Fertigung, serielles Bauen, CO₂-Bilanzen, Kreislaufwirtschaft und intelligenten Gebäudebetrieb. Und noch etwas hat sich verändert: unser Verständnis vom Wert der Daten. Früher war das digitale Modell häufig das Ziel. Heute wissen wir: Das Modell ist nur dann wirklich wertvoll, wenn seine Informationen weiterverwendet werden können – von der Planung über die Bauphasen bis hin zum Betrieb.
B4T: Hat sich damit auch die Rolle der BIM World verändert?
Christian Stammel: Ganz klar. Heute lautet die Frage nicht mehr: Was ist BIM? Sondern: Was können wir damit konkret besser machen? Es geht darum, Informationen zusammenzuführen und Zusammenarbeit besser zu organisieren. Planung, Bau und Betrieb eines Gebäudes brauchen eine einheitliche Datenbasis. Der eigentliche Wert entsteht deshalb in den Prozessen: Wenn Informationen zur richtigen Zeit in der richtigen Qualität zur Verfügung stehen, können wir bessere Entscheidungen treffen, Fehler früher erkennen, Ressourcen effizienter einsetzen und Gebäude über ihren gesamten Lebenszyklus hinweg besser managen. Natürlich verändert sich dadurch auch die BIM World. Die spannendsten Innovationen entstehen heute häufig an den Schnittstellen zwischen den Disziplinen. Und genau diese Disziplinen wollen wir zusammenbringen.
„Wissen wir zu Beginn eines Projekts überhaupt, welche Informationen später gebraucht werden?“
B4T: Trotzdem wirkt die Digitalisierung der Bauwirtschaft an vielen Stellen noch mühsam. Wo hakt es?
Christian Stammel: Unsere Technologie ist häufig weiter als unsere Prozesse. Wir haben heute fantastische Werkzeuge. Gleichzeitig liegen Daten noch immer in unterschiedlichen Systemen und Formaten. Verantwortlichkeiten wechseln im Projektverlauf. Und an den Übergängen zwischen Planung, Bau und Betrieb gehen Informationen verloren. Das ist aber der entscheidende Punkt. Ein digitaler Zwilling oder eine KI-Anwendung kann nur so gut sein wie die Daten, auf denen sie basiert. Deshalb reicht es nicht, nur über offene Standards und Interoperabilität zu sprechen. Wir müssen von Beginn an die relevanten Informationen sauber erfassen, strukturieren und so ablegen, dass sie in allen folgenden Phasen weiterverwendet werden können – in der Ausführung, im Betrieb, bei Umbauten und am Ende auch beim Rückbau. Davon sind wir in der Praxis noch ein gutes Stück entfernt. Gerade Informationen aus der Technischen Gebäudeausrüstung sind heute häufig noch nicht vollständig und durchgängig im BIM-Modell abgebildet. Das zeigt sich spätestens im Betrieb, wenn genau diese Informationen fehlen oder aufwendig nachgeführt werden müssen. Der Gebäudebetrieb darf deshalb gedanklich nicht erst bei der Schlüsselübergabe beginnen. Er muss schon in der Planung berücksichtigt werden. Deshalb bekommt dieses Thema mit der CAFM World innerhalb der BIM World bewusst mehr Gewicht.
B4T: Wenn Sie auf die nächsten Jahre schauen: Welche Technologien werden die Branche tatsächlich verändern – und was ist vielleicht nur Hype?
Christian Stammel: Künstliche Intelligenz wird bleiben. Davon bin ich überzeugt. Aber entscheidend wird sein, wo sie tatsächlich einen Mehrwert schafft. Wir werden KI beispielsweise in der Planung, bei Variantenuntersuchungen, bei der Prüfung von Modellen und Dokumenten, aber auch im Betrieb und bei der vorausschauenden Wartung sehen. Besonders spannend finde ich die Kombination aus BIM, Sensorik und KI. Daraus entsteht ein Realtime Digital Twin, also ein digitaler Zwilling, der permanent mit Echtzeitdaten gefüttert wird. Wenn reale Betriebsdaten kontinuierlich mit digitalen Modellen verbunden werden, entstehen insgesamt völlig neue Möglichkeiten. Gebäude können frühzeitig auf Wartungsbedarf hinweisen, Betriebsstrategien lassen sich optimieren und Entscheidungen auf einer wesentlich besseren Datengrundlage treffen. Ein zweites großes Feld ist die Automatisierung. Robotik, Vorfertigung und industrielle Produktionsmethoden werden stärker in die Bauwirtschaft einziehen. Aber auch hier gilt: Maschinen brauchen eindeutige und maschinenlesbare Informationen.Und das dritte große Thema ist für mich Nachhaltigkeit. Wir müssen sehr viel genauer wissen, welche Materialien wir verbauen, welche CO₂-Wirkung damit verbunden ist und was später mit diesen Materialien geschieht.
B4T: Dann wird BIM zunehmend auch zu einem Werkzeug für Kreislaufwirtschaft?
Christian Stammel: Unbedingt. Über Wiederverwendung können wir nur ernsthaft sprechen, wenn wir wissen, was in einem Gebäude steckt. Welche Materialien wurden verbaut? Von welchem Hersteller? Welche technischen Eigenschaften haben sie? Wie wurden sie verbunden? Welchen CO₂-Fußabdruck haben sie? Diese Informationen werden enorm an Bedeutung gewinnen. Natürlich beschleunigt die Regulierung diese Entwicklung. Aber ich würde das Thema nicht nur regulatorisch sehen. Gute Daten haben auch einen wirtschaftlichen Wert. Wir können Material effizienter einsetzen, Betriebskosten senken, Gebäude länger nutzen und Ressourcen besser erhalten. Vielleicht müssen wir deshalb auch unser Verständnis eines Gebäudes verändern. Es ist nicht nur ein fertiges Produkt. Es ist gleichzeitig ein langfristiger Material- und Datenbestand.
B4T: Bei KI und Robotik stellt sich zwangsläufig die Frage: Welche Rolle spielt der Mensch künftig noch?
Christian Stammel: Eine sehr große. Technologie kann uns Aufgaben abnehmen. Verantwortung nimmt sie uns nicht ab. Ich glaube sogar, dass die Anforderungen an Menschen in unserer Branche steigen werden. Wir brauchen künftig noch stärker Fachleute, die über ihr eigenes Gewerk hinausdenken können. Menschen, die Daten verstehen, Zusammenhänge erkennen, mit anderen Disziplinen kommunizieren und Ergebnisse digitaler Systeme kritisch beurteilen können. Die interessantesten neuen Berufsbilder werden wahrscheinlich genau an diesen Schnittstellen entstehen – zwischen Bauwissen, Datenkompetenz, Technologie und Management.
„Wir brauchen nicht immer neue digitale Inseln. Wir müssen aus den vorhandenen Technologien durchgängige, stabile Prozesse entwickeln.“
B4T: Wo ist die Branche heute weiter, als Sie es sich 2016 vorgestellt hätten – und wo weniger weit?
Christian Stammel: Bei der Technologie sind wir deutlich weiter. Cloud-Plattformen, digitale Zwillinge, Sensorik, KI oder automatisierte Modellprüfungen haben Möglichkeiten geschaffen, die wir 2016 in dieser Form kaum absehen konnten. Bei den Prozessen sind wir dagegen noch nicht dort, wo wir sein könnten. Das wird aus meiner Sicht die Digitalisierung der Branche am meisten prägen, wobei uns klar sein muss, dass die Branche vor vielen Herausforderungen steht, und daher leider häufig das Thema der Digitalisierung ins Hintertreffen gerät. Wir haben viele sehr gute Einzellösungen. Die große Aufgabe ist jetzt, sie miteinander zu verbinden. Wir brauchen nicht immer neue digitale Inseln. Wir müssen aus den vorhandenen Technologien durchgängige, stabile Prozesse entwickeln.
B4T: Wenn wir noch einmal zehn Jahre vorspringen: Wie sieht Ihre persönliche Vision für 2036 aus?
Christian Stammel: Der bekannte Branchenexperte Mikis Waschl hat das sehr gut in Worte gefasst: „Früher hieß es bei Immobilien Lage, Lage, Lage. Heute sprechen wir von Daten, Daten, Daten.“ Dem stimme ich voll und ganz zu. Der Wert eines Immobilie wird nicht mehr nur anhand der Lage gemessen. Zunehmend entscheidend ist auch, welche Daten über sie vorliegen und wie gut diese nutzbar sind. Ich wünsche mir eine gebaute Umwelt, in der digitale Informationen über den gesamten Lebenszyklus selbstverständlich verfügbar sind. Wir sollten dann nicht mehr darüber diskutieren müssen, ob Daten aus Planung und Bau beim Betreiber ankommen. Das muss selbstverständlich sein. Gebäude und Infrastrukturen könnten über digitale Zwillinge kontinuierlich mit ihrem realen Zustand verbunden sein. KI hilft uns dabei, aus diesen Informationen bessere Entscheidungen abzuleiten. Gleichzeitig wissen wir, welche Materialien verbaut wurden und wie wir sie wiederverwenden können. Und idealerweise sprechen wir dann gar nicht mehr so viel über „Digitalisierung“. Sie ist dann einfach selbstverständlicher Bestandteil guten Planens, Bauens und Betreibens.
B4T: Werden wir von dieser Vision schon etwas auf der Jubiläumsausgabe am 24. und 25. November sehen?
Christian Stammel: Auf jeden Fall. Natürlich sind zehn Jahre BIM World ein Moment, um zurückzublicken. Aber viel spannender ist die Frage: Was kommt jetzt? Wir erwarten mehr als 8.500 Teilnehmer aus Planung, Bauwirtschaft, Immobilienwirtschaft, Betrieb, Technologie, Wissenschaft, Verbänden und Start-ups. Damit kommt ein sehr breites Ökosystem zusammen. Inhaltlich werden wir die großen Transformationsfelder der Branche sehen: Künstliche Intelligenz, digitale Zwillinge, nachhaltiges und zirkuläres Bauen, Infrastruktur, Robotik und Automatisierung sowie die Digitalisierung des Gebäudebetriebs. Wir wollen aber nicht nur Visionen zeigen. Die Besucher sollen sehen können, was heute bereits funktioniert. Welche Lösungen werden wirklich eingesetzt? Was bringt einen konkreten Mehrwert im Projekt? Und was lässt sich morgen im eigenen Unternehmen umsetzen?
„Wenn die Menschen eine konkrete Idee entdeckt haben, eine Lösung für ein Problem gefunden haben oder einen Menschen getroffen haben, mit dem sie ein Projekt voranbringen können – dann hat die BIM World ihren Zweck erfüllt.“
B4T: Und wann gehen Sie am Ende der beiden Tage zufrieden nach Hause?
Christian Stammel: Wenn die Menschen mit mehr nach Hause gehen als mit ein paar Visitenkarten. Wenn sie eine konkrete Idee entdeckt haben, eine Lösung für ein Problem gefunden haben oder einen Menschen getroffen haben, mit dem sie ein Projekt voranbringen können – dann hat die BIM World ihren Zweck erfüllt. Denn die großen Herausforderungen unserer Branche kann niemand alleine lösen. Produktivität, Fachkräftemangel, Klimaschutz, bezahlbares Bauen und resiliente Infrastruktur hängen miteinander zusammen. Vielleicht ist das nach zehn Jahren auch die wichtigste Erkenntnis für mich: Die entscheidende Frage ist nicht mehr, wie digital unsere Branche ist. Entscheidend ist, was wir mit diesen digitalen Möglichkeiten tatsächlich erreichen.

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