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Magazin für digitale Wertschöpfung in der Bau- und Immobilienbranche

TechnologieInterview

„Heute erleben wir noch zu oft Übergaben wie bei einem Staffellauf“

Der Wille zur Digitalisierung ist da, doch im Projektalltag hakt es weiterhin beim Informationsfluss. Wie lassen sich Daten, Systeme und Menschen besser miteinander verbinden? Im Ask-the-Expert-Interview spricht Daniela Becker von Autodesk über die Ergebnisse des neuen State of Digital Construction 2026 – EMEA, die Kluft zwischen Digitalstrategie und Baustellenpraxis und darüber, warum KI und vernetzte Plattformen allein noch keine erfolgreiche Transformation garantieren.

Daniela Becker ist Vice President EMEA Enterprise Business bei AutodeskAutodesk
Daniela Becker ist Vice President EMEA Enterprise Business bei Autodesk
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B4T: Autodesk stellt auf der BIM World den neuen State of Digital Construction 2026 – EMEA Report (öffnet in neuem Fenster) vor: 58 Prozent der Befragten in Deutschland erwarten, dass ihr Unternehmen künftig deutlich stärker auf Bautechnologien setzen wird. Gleichzeitig sind nur 40 Prozent mit dem Informationsfluss in ihren Projekten sehr zufrieden. Ist die nächste Hürde also weniger die Einführung neuer Technologie als deren Vernetzung im Arbeitsalltag?

Daniela Becker: Genau darin liegt aus meiner Sicht der nächste große Hebel. Die Bereitschaft, noch stärker digital zu arbeiten, ist gerade in Deutschland hoch. Aber Mehrwert entsteht nicht dadurch, dass wir immer mehr Einzellösungen hinzufügen. Entscheidend ist, dass Daten und Kontext zwischen Planung-, Bau- und Betriebsphase erhalten bleiben und Teams nicht ständig Informationen suchen, übertragen oder neu erstellen müssen. Deshalb verschiebt sich die Diskussion von reiner Digitalisierung hin zu durchgängigen, verbundenen Workflows. Unser Ziel bei Autodesk ist es, diese Brüche zu reduzieren: mit einer gemeinsamen Datenbasis, stärker vernetzten Prozessen und KI, die auf diesem Kontext aufsetzen kann. So reduziert Technologie im besten Fall zeitraubende administrative Aufgaben und gibt Menschen mehr Zeit für bessere Entscheidungen.

„Digitale Transformation ist nie nur ein Technologieprojekt. Unternehmen müssen sehr klar beantworten können, welches Problem sie lösen wollen und was sich für die Menschen im Arbeitsalltag konkret verbessert. “

Daniela Becker

B4T: In Deutschland nennen 33 Prozent der Befragten Widerstand gegen Veränderungen als Hürde bei der Einführung neuer Technologien - der höchste Wert unter den untersuchten Märkten. Müssen Unternehmen hier besser kommunizieren?

Daniela Becker: Digitale Transformation ist nie nur ein Technologieprojekt. Unternehmen müssen sehr klar beantworten können, welches Problem sie lösen wollen und was sich für die Menschen im Arbeitsalltag konkret verbessert. Wenn neue Systeme zusätzliche Arbeit verursachen oder existierende Prozesse nur digital nachbilden, entsteht verständlicherweise Skepsis. Erfolgreiche Unternehmen beziehen deshalb die späteren Nutzer früh ein, schaffen interne Multiplikatoren, investieren in Weiterbildung und führen neue Arbeitsweisen schrittweise ein. Führung spielt dabei eine wichtige Rolle: Sie muss Orientierung geben, aber gleichzeitig zuhören, wo Teams auf praktische Hürden stoßen. Technologie sollte Menschen entlasten und ihre Expertise verstärken. Wenn Mitarbeitende merken, dass sie weniger Zeit mit Suchen, Übertragen und Routineaufgaben verbringen und mehr Zeit für fachliche Arbeit gewinnen, wird Veränderung sehr viel greifbarer.

B4T: Der Report zeigt auch eine Wahrnehmungslücke: 53 Prozent der CTOs erwarten eine deutlich stärkere Abhängigkeit von Bautechnologien, bei den Bauleitern aber nur 31 Prozent. Was sagt diese Differenz über die digitale Transformation in der Branche aus?

Daniela Becker: Sie zeigt, warum Strategie und Projektpraxis enger zusammengebracht werden müssen. Auf Führungsebene sieht man häufig sehr klar das Potenzial von Plattformen, Daten und KI. Auf der Baustelle oder im Projektteam zählt dagegen vor allem, ob eine Lösung zuverlässig funktioniert, in bestehende Abläufe passt und im entscheidenden Moment wirklich hilft. Beides ist legitim. Unternehmen sollten den Erfolg einer Digitalstrategie deshalb nicht daran messen, wie viele Tools eingeführt wurden, sondern daran, ob sich Arbeitsabläufe verbessern - etwa durch schnellere Entscheidungen, weniger Doppelarbeit, oder verbesserte Zusammenarbeit. Dafür braucht es kontinuierliches Feedback aus den Projekten. Die Menschen, die Technologie täglich nutzen, sollten nicht erst nach der Einführung gefragt werden, sondern Teil der Gestaltung sein. So wird aus einer Unternehmensstrategie ein Arbeitsmodell, das in der Praxis trägt.

B4T: Dokumenten- und Datenmanagement zählt laut Report zu den wichtigsten Verbesserungsprioritäten. Wie sieht aus Ihrer Sicht ein wirklich durchgängiger Informationsfluss über Planung, Design und Bau bis in den Betrieb aus?

Daniela Becker: Ein durchgängiger Informationsfluss bedeutet für mich vor allem, dass Projektwissen nicht bei jeder Übergabe in die nächste Projektphase an Wert verliert. Heute erleben wir noch zu oft Übergaben wie bei einem Staffellauf: Daten werden exportiert, neu strukturiert oder in anderen Systemen erneut aufgebaut. In einem stärker vernetzten Modell bleibt der Kontext erhalten, vom frühen Entwurf über Koordination und Ausführung bis zur Übergabe und zum Betrieb. Genau darauf zielt unsere Plattformstrategie mit Autodesk Forma ab. Und der Lebenszyklus endet nicht mit der Fertigstellung: Im Betrieb entstehen neue Informationen darüber, wie Gebäude und Anlagen tatsächlich funktionieren. Wenn diese Erkenntnisse zurück in Planung und zukünftige Projekte fließen, schließt sich der Kreis. Das ist der Schritt von einer digitalen Projektakte zu einem kontinuierlichen Daten- und Lernprozess.

„Eine Plattform schafft dann den größten Wert, wenn sie Verbindungen ermöglicht - nicht, wenn sie neue Silos erzeugt.“

Daniela Becker

B4T: Wenn durchgängige Datenflüsse über den gesamten Lebenszyklus das Ziel sind: Wie offen muss  ein Bau und Planungs-Ökosystem sein, damit es zu keinem Staffellauf kommt??

Daniela Becker: Kein komplexes Bau- oder Infrastrukturprojekt arbeitet in nur einem System. Und das wird auch in Zukunft nicht so sein. Deshalb sind Interoperabilität, offene Standards und Schnittstellen eine Grundvoraussetzung für vernetzte Arbeitsweisen. IFC und openBIM spielen dabei ebenso eine Rolle wie APIs, über die Unternehmen ihre eigenen Systeme und Prozesse anbinden können. Mit Autodesk Platform Services stellen wir beispielsweise APIs und Services bereit, um Daten und Workflows systemübergreifend zu verbinden und kundenspezifische Lösungen aufzubauen. Für mich ist entscheidend, dass Daten dort nutzbar bleiben, wo sie gebraucht werden, und dass Unternehmen ihre bestehende Technologieumgebung sinnvoll weiterentwickeln können. Eine Plattform schafft dann den größten Wert, wenn sie Verbindungen ermöglicht - nicht, wenn sie neue Silos erzeugt.

B4T: Der Fachkräftemangel erhöht den Druck auf Planungs- und Bauteams. Welche Rolle spielen User Experience und die Automatisierung von Routineaufgaben dabei, digitale Werkzeuge für mehr Menschen zugänglich zu machen, ohne Fachwissen zu ersetzen?

Daniela Becker: Technologie darf den Fachkräftemangel nicht dadurch verschärfen, dass jeder Arbeitsschritt zusätzliches Spezialwissen erfordert. Gute User Experience und Automatisierung reduzieren unnötige Komplexität: Software kann Routineaufgaben übernehmen, Informationen leichter auffindbar machen und Nutzer durch Prozesse führen. So gewinnen Fachkräfte mehr Zeit für Planung,Problemlösung und Zusammenarbeit. KI kann zudem den Zugang zu komplexen Daten und Funktionen natürlicher machen. Das Ziel ist aber nicht, Expertise zu ersetzen: Je mehr wir automatisieren, desto wichtiger wird fachliches Urteilsvermögen.

„Für uns ist wichtig, dass Automatisierung kontrollierbar ist: mit klaren Berechtigungen, nachvollziehbaren Datenquellen und der Möglichkeit, Ergebnisse zu prüfen.“

Daniela Becker

B4T: Mit agentischer KI können Systeme künftig nicht nur Vorschläge machen, sondern Aufgaben ausführen und Workflows anstoßen. Wo ziehen Sie im Bauwesen die Grenze zwischen sinnvoller Automatisierung und Entscheidungen, die zwingend beim Menschen bleiben müssen?

 Daniela Becker: Wir werden sehen, dass KI zunehmend nicht nur Informationen bereitstellt, sondern auch klar definierte Aufgaben übernehmen kann. Das kann sehr sinnvoll sein. Zum Beispiel, wenn ein System Informationen zusammenstellt, Prüfungen vorbereitet, einen nächsten Prozessschritt auslöst oder Varianten zur Bewertung bereitstellt. Gleichzeitig braucht die Bauwirtschaft klare Leitplanken.vEntscheidungen, die sich auf Sicherheit, Compliance oder die technische Verantwortung auswirken, müssen nachvollziehbar sein und bei qualifizierten Menschen liegen. Für uns ist deshalb wichtig, dass Automatisierung kontrollierbar ist: mit klaren Berechtigungen, nachvollziehbaren Datenquellen und der Möglichkeit, Ergebnisse zu prüfen. Die produktive Frage ist für mich nicht 'Mensch oder KI?', sondern: Welche Aufgaben kann KI zuverlässig übernehmen, damit Menschen mehr Kapazität für die Entscheidungen haben, für die Erfahrung, Kontext und Verantwortung entscheidend sind?

 B4T: Was hat sich in den letzten zehn Jahren am stärksten verändert - und worüber werden wir Ihrer Meinung nach in den kommenden Jahren sprechen, wenn wir über BIM und digitale Transformation reden?

Daniela Becker: Vor zehn Jahren stand bei BIM häufig noch das digitale Modell selbst im Mittelpunkt. Heute geht es viel stärker um das, was zwischen den Modellen, Systemen, Projektphasen und Beteiligten passiert. Die entscheidenden Themen sind vernetzte Daten, durchgängige Workflows, KI und zunehmend auch die Verbindung zum Betrieb. Gleichzeitig zeigt unser aktueller Report sehr deutlich: Der menschliche Faktor bleibt zentral. Die Technologie entwickelt sich schnell, aber Unternehmen müssen Organisation, Prozesse und Kompetenzen mitentwickeln. Ich glaube deshalb, dass wir in den kommenden Jahren neben BIM als Methode auch stärker über einen kontinuierlichen digitalen Lebenszyklus sprechen werden. Die BIM World Munich als Branchentreffpunkt ist wertvoll, weil hier genau dieses Zusammenspiel von Technologie, Praxis, Partnern und Menschen sichtbar wird.