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Magazin für digitale Wertschöpfung in der Bau- und Immobilienbranche

TechnologieInterview

„Es geht nicht nur um das physische Bauprodukt. Es geht um digitales Informationsmanagement.“

Wie werden aus digitalen Produktdaten konkrete Baustellenprozesse? Im Ask-the-Expert-Interview erklärt Matthäus-Sebastian Grzondziel von Würth, warum Hersteller im BIM-Ökosystem eine zentrale Rolle als Datenpartner einnehmen – und weshalb die richtige Informationstiefe oft wichtiger ist als maximale Detailtiefe.

04.10.2026 · 5 Min.

Matthias Grzondziel BIM-Lead bei Würth vor modernen Wolkenkratzern, daneben der Text "Ask the Expert".Würth
Matthäus-Sebastian Grzondziel ist BIM Lead bei BPM / Würth in Norwegen
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B4T: Würth ist ja vor allem für Befestigungs- und Montagetechnik, Werkzeuge und Bauprodukte bekannt. Wo positionieren Sie sich im BIM-Ökosystem?

Matthäus-Sebastian Grzondziel: Bei mehreren zehntausend Artikel- und Produktvarianten ist eine datenzentrierte Struktur für uns keine Kür, sondern eine zentrale Voraussetzung. Nur so lässt sich Planungssicherheit in dieser Größenordnung überhaupt erreichen. Wir verstehen uns deshalb im BIM-Ökosystem als Datenpartner und Integrator zwischen Planung, Produkt und Ausführung. Unser Fokus liegt darauf, eine lückenlose Informationskette über alle Projektphasen hinweg zu schaffen – so, wie es auch die ISO 19650 beschreibt. Als Single Source of Truth stellen wir konsistente, maschinenlesbare Produktdaten bereit. Diese Daten können in den Planungs- und BIM-Programmen der Anwender weiterverarbeitet und direkt an eCommerce- und ERP-Prozesse angebunden werden. Es geht also nicht nur um das physische Bauprodukt. Es geht um digitales Informationsmanagement über den gesamten Lebenszyklus des Bauteils – und damit auch des Gebäudes.

B4T: Welche Informationen müssen Sie denn für eine Verarbeitung im BIM-Modell bereitstellen?

Matthäus-Sebastian Grzondziel: Die Informationen müssen sich immer an der jeweiligen Projektphase orientieren. Wir strukturieren unsere Datenarchitektur so, dass sie den Anforderungen der ISO 7817-1 entspricht. Wichtig ist aber: Nicht jedes Modell braucht zu jedem Zeitpunkt die gleiche Informationstiefe. Deshalb liefern wir keine überladenen Datensätze aus, sondern setzen auf eine adaptive Informationsarchitektur. Unsere digitalen Bauteilbibliotheken für vorgefertigte und montagegerechte Planung werden durch ein dynamisches Datenmanagement im Hintergrund gestützt. So lässt sich die Informationstiefe im digitalen Modell genau nach Bedarf skalieren – von einer einfachen Klassifizierung in der Vorplanung bis hin zu präzisen, maschinenlesbaren Steuerungsdaten für die Ausführung.

„Neutralität in der Planung und Präzision in der Nachhaltigkeitsbilanz schließen sich also nicht aus. Sie sind nur zeitlich entkoppelt.“

Matthäus-Sebastian Grzondziel:

B4T: Je genauer ein reales Produkt im BIM-Modell abgebildet wird, desto konkreter wird die Planung. Gleichzeitig soll Planung möglichst herstellerneutral bleiben. Wie handhaben Sie diesen Zielkonflikt?

Matthäus-Sebastian Grzondziel: Dieser Zielkonflikt birgt tatsächlich ein massives Dilemma für die Bauindustrie. Einerseits müssen frühe Planungsphasen herstellerneutral bleiben, damit Ausschreibungen offen und wettbewerbsfähig sind. Andererseits verlangen Investoren und ESG-Vorgaben zunehmend exakte, bauteilscharfe Carbon Footprints und Lebenszyklusanalysen, etwa für die Projektfinanzierung. Belastbar berechnen lassen sich diese Werte jedoch nur mit herstellerspezifischen EPDs, also Umweltproduktdeklarationen. Wir lösen diesen Konflikt über eine adaptive Informationsarchitektur. In frühen Projektphasen arbeiten Planer im digitalen Modell mit generischen Platzhaltern. Diese können im Hintergrund über ein dynamisches Datenmanagement mit branchenüblichen Emissionswerten angereichert werden. Sobald die Ausführungsreife erreicht ist und produktspezifische Entscheidungen anstehen, stehen die exakten herstellerspezifischen Umwelt- und Logistikdaten zur Verfügung. So bleibt die Planung zunächst flexibel. Gleichzeitig liegt genau dann die nötige Informationstiefe vor, wenn sie für Nachhaltigkeitszertifizierungen und das Supply Chain Management gebraucht wird. Neutralität in der Planung und Präzision in der Nachhaltigkeitsbilanz schließen sich also nicht aus. Sie sind nur zeitlich entkoppelt.


B4T: Welche Rolle spielen offene Standards und Schnittstellen, damit Ihre Produktdaten in möglichst vielen unterschiedlichen Softwareumgebungen nutzbar bleiben?

Matthäus-Sebastian Grzondziel: Für viele Anwender ist eine nahtlose User Experience entscheidend. Wir setzen deshalb auf das Autodesk-Ökosystem. Diese Entscheidung basiert auf der klaren Marktdominanz, der Effizienz einer integrierten Komplettlösung und den unserer Ansicht nach exzellenten Kollaborationsmöglichkeiten innerhalb dieser Plattformen. Gleichzeitig sind offene Standards und robuste, bidirektionale Schnittstellen natürlich absolut essenziell. Wir garantieren die volle Interoperabilität und den openBIM-Gedanken, indem unsere Datenstrukturen konsequent die IFC-Klassen nach ISO 16739 bedienen. So bleiben Produktdaten nicht nur innerhalb des Autodesk-Ökosystems nutzbar, sondern können auch herstellerübergreifend weiterverarbeitet werden. Um diesen systemneutralen Ansatz auch mit Blick auf den Gebäuderessourcenpass zu stärken, referenzieren wir unsere Daten zusätzlich auf etablierte Data Dictionaries wie das buildingSMART Data Dictionary. Das ist eine wichtige Grundlage für automatisierte Zirkularitätsprozesse und künftiges Urban Mining.

B4T: Wie können digitale Planung und BIM dazu beitragen, mögliche Fehler bei Befestigungs- und Montagelösungen bereits vor Baubeginn zu erkennen, statt erst während der Ausführung auf der Baustelle?

Matthäus-Sebastian Grzondziel: Mit unserer eigenen Würth Technical Software sorgen wir bereits in sehr frühen Planungsphasen für Validierung. Über intelligente Regelwerke und vernetzte Prüfungen im Hintergrund des digitalen Modells prüfen wir also die Baubarkeit und statische Tragfähigkeit von Befestigungslösungen, lange bevor sie auf der Baustelle eingesetzt werden. Kollisionsprüfungen gemäß VDI 2552 und automatisierte Montage-Checks am digitalen Modell helfen dabei, Fehler frühzeitig zu erkennen und das Trial-and-Error-Prinzip in der Ausführung deutlich zu reduzieren. Bei Retrofitting-Projekten, also bei Umbau, Sanierung oder Nachrüstung bestehender Gebäude, unterstützt uns zudem unser spezialisiertes Scan-2-Project-Team. Es liefert die Grundlagen, die für eine verlässliche digitale Planung notwendig sind.

B4T: Kann aus einem BIM-Modell heute schon mehr entstehen als Planung – zum Beispiel eine konkrete Stückliste, eine Bestellung oder sogar eine gezielte Materialbereitstellung auf der Baustelle?

Matthäus-Sebastian Grzondziel: Die direkte Beschaffung aus dem digitalen Modell ist ein zentraler Bestandteil durchgängiger digitaler Prozesse. Vorausgesetzt, dass alle Bauteile räumlichen und zeitlichen Zonen zugeordnet sind, lassen sich daraus exakte Stücklisten ableiten und über API-Schnittstellen direkt in ERP- und eCommerce-Systeme übertragen. Dadurch kann die fehleranfällige manuelle Massenermittlung entfallen. Ein wichtiger Punkt unserer Strategie ist außerdem die Data Democratization, also der einfache Zugang zu Projektdaten für unterschiedliche Rollen im Unternehmen. So erhalten auch Kolleginnen und Kollegen aus kaufmännischen Abteilungen Zugriff auf die relevanten Projektdaten aus den Autorensystemen – ohne selbst in Autodesk arbeiten zu müssen. Auf diese Weise werden technische Modelldaten auch für Einkauf, Kalkulation und Logistik nutzbar – ohne Systembruch.

„Ich bin überzeugt, in fünf Jahren ist die Datenökonomie vollständig vernetzt.“

Matthäus-Sebastian Grzondziel:

B4T: Wenn Sie fünf Jahre nach vorne blicken: Wie sieht Ihre Vision für die Verbindung zwischen digitalem Gebäudemodell, realem Bauprodukt, Beschaffung und Baustelle aus?

Matthäus-Sebastian Grzondziel: bin überzeugt, in fünf Jahren ist die Datenökonomie vollständig vernetzt. Das digitale Modell fungiert hierbei als zentrales Dashboard für den gesamten Projektlebenszyklus. Über API-Aufrufe können vollautomatisierte Bestellvorgänge ausgelöst werden. Auf der Baustelle erfassen Systeme den Baufortschritt und speisen diese Betriebsdaten als digitalen Schatten zurück in das Projektmanagement, um Lean-Prozesse in Echtzeit zu steuern. Über spezialisierte Agenten wird die gesamte Prozesskette von der Planung über die Herstellung bis zur Lieferung just in time orchestriert. Das ist nicht nur eine Vision. Mit unserem Team Big Data haben wir bereits die Experten im Hause. Wir stellen für die gesamte Prozesslandschaft maßgeschneiderte Informationspakete bereit, die nicht nur die Logistik antreiben, sondern auch die essenzielle maschinenlesbare Datenbasis für autonome Montageroboter liefern.