Die Projekte werden größer, die Zeitpläne hingegen enger und das in Zeiten des Fachkräftemangels, volatiler Lieferketten und steigender Anforderungen an Nachhaltigkeit und Compliance: Bauunternehmen und Planer müssen heute mehr Komplexität beherrschen als noch vor wenigen Jahren. Gleichzeitig haben viele Unternehmen ihre Softwarelandschaft deutlich ausgebaut. Die wachsende Zahl digitale Werkzeuge sollte helfen, genau diese Komplexität zu reduzieren. Doch Kostenüberschreitungen und Nacharbeiten halten sich hartnäckig.
Genau dieser Widerspruch bildet den Ausgangspunkt des Digital Design & Construction Report 2026 von Revizto. Für den Report haben die Marktforscher von Censuswide im Auftrag von Revizto mehr als 2.000 AEC-Fachleuten aus en USA, Großbritannien, der Schweiz, Deutschland, Frankreich, Australien, Saudi-Arabien und den VAE befragt. Revizto wurde den Befragten dabei ausdrücklich nicht als Forschungspartner genannt.
Das Interesse liegt aber nah am eigenen Geschäft: Revizto entwickelt eine Kollaborationsplattform, die 2D-Zeichnungen und 3D-Modelle in einer gemeinsamen Umgebung verbindet und Projektteams bei der Koordination unterstützt. Die zentrale These des Reports lautet entsprechend: Die nächste Stufe der Digitalisierung entscheidet sich nicht daran, ob Unternehmen noch mehr Software kaufen. Entscheidend ist, ob sie ihre Werkzeuge sinnvoll verbinden und im Projektalltag tatsächlich nutzen.
Technologie bleibt die größte Baustelle
Das tun sie auf den ersten Blick nicht. Obwohl die meisten Unternehmen sich bereits stark digitalisiert sehen, nennt mehr als jedes fünfte davon ( 22 Prozent) die Integration und Einführung von Technologie als ihre größte Herausforderung. Gegenüber 2025 hat sich der Wert damit zwar um 4 Prozentpunkte verringert. Technologie bleibt aber das zweite Jahr in Folge auf Platz eins. Das Problem liegt also weniger darin, geeignete Software zu finden. Unternehmen müssen neue Werkzeuge in bestehende Prozesse einbauen, Daten zwischen Anwendungen austauschen und dafür sorgen, dass Projektteams tatsächlich damit arbeiten.
Gleichzeitig steigt der Druck aus den Projekten selbst. 17 Prozent nennen Projektkomplexität und Koordination als größte Herausforderung. 2025 lag dieses Thema noch deutlich weiter hinten. Je größer und technisch anspruchsvoller Projekte werden, desto wichtiger wird damit die Frage, wie Planer, Bauunternehmen und Gewerke Informationen austauschen und Entscheidungen abstimmen.
Während die globalen Themen durchgängig sind, offenbaren die Daten, dass spezifischer Druck auch durch lokale Marktbedingungen verstärkt wird: In der Schweiz etwa konzentriert man sich stark auf das Geschäftsergebnis und setzt im Vergleich zu anderen Ländern weltweit den stärksten Schwerpunkt auf Budget und Kostenkontrolle. In Großbritannien, Deutschland und den VAE wird steigender Druck aufgrund von regulatorischer Compliance und Nachhaltigkeit gemeldet, was möglicherweise die strikten Umweltstandards in diesen Märkten widerspiegelt. Der Druck zur Integration von Technologie ist in den USA und Frankreich (über 25 % vs 22 % weltweit ) am höchsten ein Hinweis auf umfangreichere oder komplexere Tool Stacks und größere Integrationsprobleme in diesen ausgereiften Märkten.
Zeit ist kostbarer als Geld
Warum gelingt das trotz immer neuer digitaler Werkzeuge nicht besser? Auch darauf liefert die Studie eine überraschend eindeutige Antwort: Nicht Geld steht an erster Stelle, sondern Zeit. 32 Prozent nennen den Zeitaufwand für Einführung und Schulung als größte Hürde für neue Technologie. 27 Prozent vermissen klare Richtlinien oder Vorgaben. 24 Prozent nennen Widerstände gegen Veränderungen. Erst danach folgen mit 18 Prozent die Kosten.
Das verschiebt die klassische Debatte über Digitalisierung. Ein Unternehmen kann sich eine Software leisten und trotzdem daran scheitern, sie sinnvoll einzuführen. Projektteams müssen Zeit finden, neue Abläufe zu lernen, während gleichzeitig laufende Projekte Termine einhalten müssen.
Francesca Lofiego, Digital Lead bei Structure Tone UK, bestätigt die Ergebnisse: „Einen Mentalitätswandel bei den Menschen zu erreichen ist oft die größte Schwierigkeit bei der Implementierung neuer Technologie. Das ist eventuell auch der Grund, warum so viele Unternehmen zögern, Tools einzuführen, die das Projektmanagement wirklich vereinfachen und verbessern könnten.“ Damit wird Digitalisierung zur Führungsaufgabe. Unternehmen müssen nicht nur Lizenzen beschaffen. Sie brauchen Zeit für Schulungen, klare Regeln und Verantwortliche, die neue Arbeitsweisen im Unternehmen verankern.
Make statt Buy
Doch noch gibt es ja ein gewaltiges anderes Problem zu lösen. Den Fachkräftemangel! Hier deutet die Studie auf einen wichtigen Strategiewechsel hin: Viele Unternehmen versuchen nicht mehr allein, fehlende digitale Kompetenz auf dem Arbeitsmarkt einzukaufen. Sie wollen ihre vorhandenen Teams produktiver machen.
47 Prozent wollen Tools und Arbeitsabläufe vereinfachen, damit Mitarbeitende weniger Schulung benötigen. 44 Prozent setzen auf Weiterbildung des bestehenden Personals. 42 Prozent prüfen KI-Anwendungen, 40 Prozent Automatisierung. Nur 36 Prozent nennen die Einstellung zusätzlicher Mitarbeiter mit digitalen Kompetenzen.
Auf bestehendes setzen kann auch bedeuten, die Zahl und Komplexität der Werkzeuge zu reduzieren. Denn jedes zusätzliche System kostet nicht nur Lizenzgebühren. Menschen müssen es verstehen, Daten müssen hinein- und wieder herausfließen, und Schnittstellen müssen funktionieren.
BIM wächst – aber 2D bestimmt noch immer den Alltag
Besonders deutlich zeigt sich die Lücke zwischen digitalem Anspruch und Arbeitsrealität beim Blick auf 2D und 3D. 60 Prozent der befragten Unternehmen arbeiten noch überwiegend zeichnungsbasiert. 22 Prozent beschreiben ihre Abläufe als vollständig zeichnungsbasiert, weitere 38 Prozent als weitgehend zeichnungsbasiert. Nur 22 Prozent arbeiten überwiegend oder vollständig modellbasiert. 18 Prozent nutzen beide Ansätze ungefähr gleich stark.
Das bedeutet nicht, dass diese Unternehmen kein BIM einsetzen. Vielmehr laufen Modell und klassische Zeichnung vielerorts parallel. Dafür gibt es einen praktischen Grund: 2D-Zeichnungen bleiben bei vielen Projekten der vertraglich geforderte und formal freigegebene Liefergegenstand. Gleichzeitig müssen Planer und Ausführende komplexe räumliche Situationen aus diesen Zeichnungen ableiten.
Für die Branche liegt die Aufgabe deshalb nicht einfach darin, 2D abzuschaffen. Sie muss Zeichnung und Modell so zusammenbringen, dass beide Informationswelten im Projekt konsistent bleiben. Marcel Wyss, Leiter Digitales Bauen bei der Hälg Group, formuliert es im Report so: „Mit 2D sind wir oftmals an der Grenze der Technologie.“ Modellbasierte Projektabwicklung könne die Möglichkeiten erweitern, brauche dafür aber entsprechende Kompetenzen.
Der Software-Stack wird zum Kostenfaktor
Teil der Studie ist auch eine Befragung speziell der CIOS. Vier Fragen gingen ausschließlich an 600 CIOs. Für sie wächst mit steigender Komplexität auch der Software-Stack, also die Gesamtheit der Programme und Cloud-Dienste, die ein Unternehmen einsetzt.
Zwei Drittel der befragten CIOs berichten, dass ihre Software- und Cloudlizenzkosten innerhalb der vergangenen zwölf Monate gestiegen sind. Bei knapp der Hälfte davon lag der Anstieg zwischen einem und zehn Prozent, bei 17 Prozent zwischen elf und 25 Prozent. Die Strategie für die kommenden 12 bis 18 Monate zeigt allerdings keinen eindeutigen Trend. 41 Prozent wollen ihre Softwarelandschaft erweitern, 39 Prozent wollen sie verkleinern. 19 Prozent wollen sie ungefähr so lassen, wie sie ist.
Der scheinbare Widerspruch zeigt, wie unterschiedlich die Ausgangslagen sind. Manche Unternehmen brauchen zusätzliche Funktionen. Andere versuchen bereits, zu viele parallele Systeme wieder zusammenzuführen.Für beide Gruppen gilt jedoch dieselbe Frage: Welches Werkzeug löst ein konkretes Problem – und welches schafft nur eine weitere Schnittstelle?
Datenhoheit rückt in die Chefetage
Je stärker Unternehmen Projekte digital abwickeln, desto wichtiger wird auch die Frage, wem die erzeugten Daten gehören und ob sie langfristig verfügbar bleiben. So gut wie jeder der 600 CIOs macht sich Sorgen, wenn es um Datenhoheit und Datenkontrolle bei der Auswahl von Technologieanbietern geht. 38 Prozent bezeichnen sich als sehr oder äußerst besorgt. Softwareentscheidungen drehen sich damit nicht mehr nur um Funktionen und Bedienkomfort. Unternehmen müssen auch prüfen, ob sie ihre Projektdaten unabhängig vom Anbieter langfristig nutzen können und wie stark sie sich an einzelne Plattformen binden.
Auch beim aktuellen Technologiethema KI fällt die Bilanz vergleichsweise nüchtern aus.24 Prozent der CIOs nennen regulatorische Fragen als größte Hürde, um mit KI Mehrwert zu schaffen. 23 Prozent sehen fehlende digitale Kompetenzen als Hauptproblem. Weitere 17 Prozent nennen fehlende Integrationen, 15 Prozent schlechte Datengrundlagen. Nur zehn Prozent geben an, bereits Mehrwert zu erzielen und keine wesentlichen Barrieren zu sehen.
Die Botschaft dahinter: Unternehmen können KI nicht einfach auf ungeordnete Prozesse und fragmentierte Daten setzen und erwarten, dass sie diese Probleme automatisch löst. David Felker, CIO der Trilon Group, empfiehlt deshalb einen begrenzten Einstieg: „Die aktuell erfolgreichsten KI-Implementierungen sind diejenigen, die hyper-fokussiert sind.“ Statt KI sofort über ganze Unternehmen zu legen, können konkrete Aufgaben den sinnvolleren Startpunkt bilden.
Digitalisierung beherrschbar machen
Das Fazit aus all diesen Zahlen? Die Branche hat in den vergangenen Jahren zahlreiche digitale Werkzeuge eingeführt. Trotzdem bestehen viele der bekannten Probleme weiter. Gleichzeitig steigen Softwarekosten, Projektkomplexität und Anforderungen an Mitarbeitende. Daraus folgt nicht, dass Digitalisierung gescheitert ist. Die Fragestellung verändert sich vielmehr. Unternehmen müssen nicht mehr nur digitalisieren. Sie müssen ihre Digitalisierung beherrschbar machen.
Dazu gehört, weniger Brüche zwischen Planung und Baustelle zuzulassen, 2D und 3D miteinander zu verbinden, Informationen über Softwaregrenzen hinweg verfügbar zu machen und Mitarbeitern Werkzeuge zu geben, die ihre Arbeit vereinfachen statt zusätzliche Komplexität zu schaffen.
Genau hier liegt auch das Eigeninteresse von Revizto an der Studie: Das Unternehmen positioniert seine Plattform an der Schnittstelle zwischen Modellen, Zeichnungen und Projektkoordination. Der Report liefert dafür eine klare Diagnose. Ob einzelne Produkte diese Probleme tatsächlich lösen, untersucht die Befragung allerdings nicht. Sie zeigt vielmehr, wo die Branche selbst derzeit die größten Reibungsverluste sieht.
Kostenüberschreitungen bleiben der Normalfall
Wie weit Anspruch und Realität auseinanderklaffen, zeigt die Selbstverständlichkeit, mit der der bestehende Budgetrahmen regelmäßig überschritten wird. 92 Prozent der Befragten berichten, dass ihre Projekte das ursprünglich kalkulierte Budget typischerweise um mindestens sechs Prozent überschreiten. Bei 45 Prozent liegt das Plus zwischen sechs und zehn Prozent, weitere 42 Prozent nennen sogar elf bis 20 Prozent Mehrkosten. Nur acht Prozent bleiben innerhalb einer Abweichung von maximal fünf Prozent. Das Problem besteht also weniger in einigen spektakulären Ausreißern. Vielmehr scheint eine moderate, aber regelmäßige Überschreitung der ursprünglichen Kalkulation zum Alltag vieler Projekte zu gehören.
Nicht nur Wetter, Boden oder andere äußere Umstände führen zu zusätzlicher Arbeit und damit auch Mehrkosten. An erster Stelle stehen Änderungsaufträge, Kundenänderungen und schleichende Erweiterungen des Leistungsumfangs mit 47 Prozent. Danach folgen Planungsfehler und unvollständige Pläne mit 42 Prozent sowie mangelhafte Kommunikation und Koordination mit 41 Prozent. Unerwartete Baustellenbedingungen kommen ebenfalls auf 41 Prozent. Gegenüber 2025 hat dieser Wert allerdings deutlich abgenommen: Damals nannten noch 53 Prozent diesen Faktor.
Sal D’Ambrosia, Director of Construction Technology beim US-Bauunternehmen Wm. Blanchard, sieht deshalb weniger die Technik selbst als Problem. „Nacharbeit, Budgetüberschreitungen und Koordinationsfehler sind normalerweise auf fehlende Abstimmung zwischen Planern, Gewerken und Eigentümern zurückzuführen. Die wirkliche Herausforderung ist die Einbindung der Beteiligten.“ Wenn Planer, Gewerke und Eigentümer früher zusammenarbeiteten, liefen Projekte nach seiner Erfahrung reibungsloser. Damit bekommt Koordination einen wirtschaftlichen Wert: Wer Fehler und Widersprüche früher erkennt, kann Nacharbeit vermeiden – und damit Kosten und Termine besser kontrollieren.

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