B4T: Viele Bauprojekte setzen heute auf Softwarelösungen unterschiedlicher Anbieter. Dennoch gehen Informationen häufig verloren, und die Arbeitsabläufe bleiben fragmentiert. Was muss geschehen, damit Projektbeteiligte wirksam zusammenarbeiten können – unabhängig von der eingesetzten Software?
Antonio Canciulli: Das Problem war nie ein Mangel an Software, sondern dass Daten in ihr gefangen bleiben. Fragmentierung ist kein Werkzeugproblem, sondern ein Eigentumsproblem. Die unrealistische Annahme lautet: „Alle sollen dieselbe Plattform nutzen." Das wird nie geschehen – und es sollte auch nicht. Die realistische Antwort heißt Datenneutralität: offene Austauschformate (IFC, BCF, IDS) plus eine gemeinsame Umgebung, in der alle mit denselben, stets aktuellen Informationen arbeiten, unabhängig vom bevorzugten Autorenwerkzeug. Der wahre Prüfstein für Interoperabilität ist einfach: Können Sie jederzeit wechseln? Wenn Ihre Daten Geiseln eines einzigen Anbieters sind, haben Sie keine Zusammenarbeit, sondern Abhängigkeit. Diese Überzeugung führt dazu, dass wir die Werkzeuge, die die Menschen bereits schätzen, nicht bekämpfen, sondern öffnen: Unser Ansatz erlaubt es sogar einem proprietären Autorenwerkzeug, vollwertig an einem openBIM-Workflow teilzunehmen. Zusammenarbeit entsteht, wenn Fachleute aufhören, ihre Software zu verteidigen, und beginnen, ihre Daten zu besitzen.
B4T: IFC gilt weithin als der zentrale Standard für den offenen Austausch von BIM-Daten. Wie gut funktioniert das heute in realen Projekten, und wo liegen die größten Herausforderungen?
Antonio Canciulli: IFC funktioniert – und zwar deutlich besser, als seine Kritiker zugeben. Für die Zusammenführung, Koordinationsmodelle, Kollisionsprüfung und vor allem für den langfristigen Zugriff auf Daten unabhängig von jedem Anbieter ist es täglich im großen Maßstab erprobt. Die Herausforderungen betreffen weniger das Format als vielmehr die Art, wie wir es nutzen. Erstens: Eine IFC-Datei ist nur so gut wie die Anforderungen, die dahinterstehen – „garbage in, garbage out" ist also ein reales Risiko. Die Lösung ist nicht, IFC aufzugeben, sondern zu spezifizieren und zu validieren. Genau deshalb sind IDS (Information Delivery Specification) und die automatisierte Prüfung der Datenqualität so wichtig: Sie verwandeln „wir haben eine IFC exportiert" in „wir haben überprüfbare Daten geliefert". Zweitens: Die Infrastruktur hinkte dem Hochbau jahrelang hinterher – eine Lücke, die IFC 4.3 nun schließt. Und drittens: Nicht-destruktives Bearbeiten und Round-Tripping waren historisch die Schwachstelle – und genau das will IFC 5 (IFCX) mit seiner USD-Grundlage beheben, indem es kollaboratives Bearbeiten in Echtzeit ermöglicht. Die größte Herausforderung in einem Satz: IFC nicht länger als Export behandeln, sondern als Vertrag.
„ Ein CDE ist keine Festplatte – in dem Moment, in dem Sie es so behandeln, wird es zu einem Datenfriedhof. “
B4T: Große Bauprojekte erzeugen Tausende von Modellen, Zeichnungen, Dokumenten und Revisionen. Wie lässt sich verhindern, dass ein Common Data Environment zu einem weiteren großen Datenspeicher wird, statt zu einer verlässlichen, gemeinsamen Informationsquelle für alle Projektbeteiligten?
Antonio Canciulli: Ein CDE ist keine Festplatte – in dem Moment, in dem Sie es so behandeln, wird es zu einem Datenfriedhof. Der Unterschied zwischen einem Speicher und einer verlässlichen Informationsquelle ist Governance. Drei Dinge machen den Unterschied. Erstens: definierter Informationsstatus - Informationen müssen eindeutig als „in Bearbeitung“, „geteilt“, „veröffentlicht“ oder „archiviert“ gekennzeichnet sein – so, wie es die ISO 19650 vorsieht. Nur dann wissen alle Beteiligten, welchen Status eine Information hat und wie verlässlich sie ist. Zweitens: Validierungsschritte – Informationen sollten geprüft werden, bevor sie freigegeben werden, sodass „veröffentlicht" wirklich vertrauenswürdig bedeutet und nicht bloß „hochgeladen". Drittens: Verknüpfung und Nachvollziehbarkeit – Dokumente sollten mit den Modellobjekten verbunden sein, die sie beschreiben. Außerdem braucht es eine vollständige Versionierung und einen Audit-Trail. So werden Daten nicht nur abgelegt, sondern bleiben auffindbar, überprüfbar und abfragbar. Wenn diese drei Voraussetzungen erfüllt sind, hört ein CDE auf, ein Ort zu sein, an dem Dateien sterben, und wird zur einzigen verlässlichen Referenz, die das gesamte Team tatsächlich nutzt. Auch KI hilft hier zunehmend, indem sie die richtige Information im richtigen Moment sichtbar macht. Doch Technik allein löst das Problem nicht: Ein Datenfriedhof entsteht, wenn man nur die Ablage digitalisiert, aber nicht den Prozess drumherum.
B4T: Digitale Zwillinge sollen Gebäude und Infrastruktur mit aktuellen Daten aus der realen Welt verbinden. Welche Rolle spielen dabei BIM, GIS und IoT?
Antonio Canciulli: Einfach formuliert: BIM ist das Was, GIS ist das Wo, und IoT ist das Jetzt. BIM liefert das Objekt und seine strukturierten Informationen. GIS verortet dieses Objekt in seinem territorialen und ökologischen Kontext – unverzichtbar, sobald man vom einzelnen Gebäude zu Infrastruktur, Arealen oder einer ganzen Stadt übergeht. IoT gibt dem Modell einen Puls, indem es Echtzeitdaten von Sensoren zurückspeist. Ein Modell wird nicht dadurch zum digitalen Zwilling, dass es fotorealistisch aussieht, sondern wenn es den Kreis schließt: Es erfasst die Realität, aktualisiert sich, liefert eine Entscheidungsgrundlage, und diese Entscheidung wirkt auf das reale Asset zurück. Nicht die geometrische Detailtreue ist die Schwelle – sondern die Rückkopplungsschleife. Wir sehen das konkret in unserer Arbeit an geografischen digitalen Zwillingen mit Esri. Dort verbinden sich openBIM-IFC-Modelle und ArcGIS-Daten bidirektional. Beim Digital Twin der Stadt Rom etwa werden über hundert Maßnahmen in einer einzigen 3D-Umgebung koordiniert. Ein statisches Modell zeigt, wie etwas geplant wurde. Ein funktionierender Zwilling zeigt, wie es sich gerade jetzt verhält – und hilft Ihnen zu entscheiden, was als Nächstes zu tun ist.
„KI ist die Assistentin einer verantwortlichen Fachperson, nicht ihr Ersatz. Am Ende unterschreibt ein Mensch die Pläne, und eine Blackbox kann nicht haftbar gemacht werden.“
B4T: Künstliche Intelligenz gewinnt in Architektur und Bauwesen zunehmend an Bedeutung. In welchen konkreten Bereichen der Planung und der BIM-Prozesse liefert KI heute bereits greifbaren Nutzen, und wie stellen wir sicher, dass ihre Ergebnisse transparent, überprüfbar und verantwortbar bleiben?
Antonio Canciulli: Der konkrete Mehrwert von KI zeigt sich heute vor allem in den weniger spektakulären Bereichen – und genau das ist ein Vorteil. Es geht nicht darum, dass „die KI das Gebäude entwirft“. Viel relevanter ist KI dort, wo sie ein Modell gegen Anforderungen prüft, die Datenqualität validiert, Klassifikationen und Mengen anreichert, die Dokumentation und Planerstellung beschleunigt und erste Varianten vorschlägt, die eine Fachperson anschließend verfeinert. In der Planung erforschen wir den Einsatz von KI als echten Co-Designer für die frühe Konzeptphase. Was die Verantwortung angeht, ist meine Position klar: KI ist die Assistentin einer verantwortlichen Fachperson, nicht ihr Ersatz. Am Ende unterschreibt ein Mensch die Pläne, und eine Blackbox kann nicht haftbar gemacht werden. Damit KI transparent und überprüfbar bleibt, muss sie auf offenen, strukturierten und prüfbaren Daten aufbauen statt auf undurchsichtigen Eingaben. Das ist nicht zufällig, ein weiteres Argument für openBIM. Sind die zugrunde liegenden Daten überprüfbar, so sind es auch die Schlüsse der KI. Die KI muss ihre Arbeit offenlegen; die Fachperson bleibt in der Schleife; und die Standards schaffen die Grundlage dafür.
B4T: Mit Blick auf die nächsten fünf Jahre: Was ist Ihre Vision für den Austausch und die Nutzung von BIM-Daten? Wie werden Projektbeteiligte künftig Informationen teilen, auf sie zugreifen und mit ihnen arbeiten?
Antonio Canciulli: In fünf Jahren erwarte ich eine Branche, die stärker um Daten und Ziele organisiert ist, und weniger um einzelne Werkzeuge Das ist aus meiner Sicht der tiefgreifendste Wandel. Wir werden immer weniger darüber sprechen, welche Datei wir wem schicken oder welche Software jemand bedienen kann. Stattdessen werden Projektbeteiligte auf eine gemeinsame, stets aktuelle Informationsquelle zugreifen. Und zunehmend wird es die KI sein, die die Arbeitsschritte für uns zusammensetzt. Wir geben der KI das Ziel vor, und sie wird über offene Schnittstellen gezielt Funktionen von Softwarelösungen aufrufen können, die wir möglicherweise nicht einmal kennen oder selbst bedienen könnten: eine Verarbeitung aus einer Anwendung, eine Prüfung aus einer anderen, eine Berechnung aus einer dritten. So können Funktionen verschiedener Anbieter orchestriert werden, um eine konkrete Aufgabe zu erfüllen. Bereits heute sehen wir, wie Protokolle wie MCP entstehen, die zunehmend zu einer Art gemeinsamer Sprache zwischen KI und externen Anwendungen werden. Für uns ist das kein theoretisches Thema: Genau die Integration von MCP in unsere Lösungen ist das Projekt, das wir beim buildingSMART International Summit in Tokio vorstellen werden und mit dem wir uns für die Awards bewerben.
B4T: Das heißt, die konkrete Software rückt stärker in den Hintergrund – entscheidend werden offene Daten und interoperable Prozesse?
Antonio Canciulli: Genau, die konkrete Technologie wird stets weniger zählen als das Prinzip dahinter. Die Fachperson denkt an das Ergebnis; das Werkzeug wird zur austauschbaren Commodity im Hintergrund. Das funktioniert allerdings nur unter einer Bedingung: Die Daten müssen offen und interoperabel sind. Eine KI kann Dienste verschiedener Anbieter nur dann orchestrieren, wenn diese Dienste eine gemeinsame Sprache sprechen – und genau das gewährleisten offene Standards. Hier laufen die Fäden unseres heutigen Gesprächs zusammen: Je offener die Daten sind, desto mehr kann die KI darauf aufbauen, und desto weniger zählt, welche Software man gerade nutzt. Das Modell wiederum endet nicht mit der Übergabe: Es lebt im Betrieb als digitaler Zwilling weiter, für jeden über den Browser zugänglich, mit einem kostenlosen Einstieg. Die Organisationen, die gewinnen, werden nicht jene mit der meisten Software sein – sondern jene, die ihre Daten als das eigentliche Asset behandeln. Auf der BIM World Munich 2026 werden wir genau das zeigen.

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