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Magazin für digitale Wertschöpfung in der Bau- und Immobilienbranche

TechnologieInterview

„Die Frage wird nicht ‚CAD oder BIM‘ sein – sondern wie beides zusammenspielt“

Wie verändert sich Planung, wenn CAD, BIM, Cloud und KI immer stärker zusammenwachsen? Im Ask-the-Expert-Interview spricht William Wang über den Wandel von zeichnungsbasierten CAD-Prozessen hin zu modell- und datenbasierten Workflows – und erklärt, warum bestehende DWG-Strukturen, offene Standards und interoperable Lösungen entscheidend bleiben, damit dieser Übergang in der Praxis gelingt.

10.09.2026 · 5 Min.

Gstarsoft
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B4T: Die Bauindustrie entwickelt sich zunehmend von zeichnungsbasierten CAD-Prozessen hin zu modell- und datenbasierten BIM-Workflows. Was verändert sich dadurch grundlegend für Planerinnen, Planer und Projektbeteiligte?

William Wang: Der Wandel von zeichnungsbasiertem CAD hin zu modell- und datenbasiertem BIM ist real. Ich würde ihn aber bewusst nicht als Ablösung beschreiben, sondern als Zusammenwachsen. In ganz Europa bleibt CAD die Grundlage der täglichen Planungsarbeit, auch wenn BIM weiter an Bedeutung gewinnt. Grundlegend verändert sich also nicht das Werkzeug selbst, sondern die Erwartung daran. Planerinnen, Planer und Projektbeteiligte brauchen heute Zeichnungen, Modelle und strukturierte Daten, die zusammen funktionieren. Für Entwerfende bedeutet BIM informationsreiche Modelle, in denen Geometrie, technische Daten und Projektinformationen über den gesamten Projektlebenszyklus hinweg miteinander verbunden bleiben. Für Planende werden aus einzelnen Modellen gemeinsame, verlässliche Informationsquellen. Für Projektbeteiligte bedeutet es, dass Entscheidungen auf aktuellen Informationen beruhen und nicht mehr nur auf statischen Dateien. Das Risiko besteht darin, BIM als etwas zu verstehen, das Teams dazu zwingt, bewährte CAD-Bestände aufzugeben. Aus unserer Sicht ist der bessere Weg, beides miteinander zu verbinden. CAD und BIM sollten nicht als Gegensätze verstanden werden, sondern als komplementäre Bestandteile eines zunehmend integrierten Planungsprozesses.

B4T: Viele Planungsbüros arbeiten heute noch intensiv mit klassischen CAD- und DWG-basierten Prozessen, während gleichzeitig die Anforderungen an BIM steigen. Was braucht es, damit dieser Übergang in der Praxis gelingt?

William Wang: Meiner Erfahrung nach gelingt dieser Übergang nur, wenn er respektiert, wo Büros heute tatsächlich stehen. Die meisten Unternehmen beginnen nicht bei null. Sie verfügen über jahrzehntelanges DWG-basiertes Wissen, eingespielte Arbeitsweisen und bestehende Projektprozesse. Was gebraucht wird, ist deshalb keine erzwungene Migration, sondern eine Brücke. In der Praxis bedeutet das drei Dinge. Erstens müssen die Werkzeuge, die bereits genutzt werden, leistungsfähig und stabil bleiben, damit sich die Einführung neuer Prozesse nicht wie ein Rückschritt anfühlt. Bestehende CAD-Workflows müssen zuverlässig weiter funktionieren und zugleich einen realistischen Weg in modellbasierte Prozesse eröffnen. Zweitens braucht es einen praktikablen Einstieg von 2D in 3D. Dazu gehören fortgeschrittene 2D-zu-3D-Konvertierung, Punktwolkenmodellierung und KI-gestützte Visualisierung. So können Teams Modelle aus vorhandenen Zeichnungen entwickeln, statt alles von Grund auf neu zu erstellen. Drittens müssen die Einstiegshürden niedrig bleiben. Auch kleinere Planungsbüros sollten in der Lage sein, kollaborativ zu arbeiten, ohne zunächst massiv in Infrastruktur investieren zu müssen. Architektur- und Ingenieurbüros müssen sich Schritt für Schritt und zu kontrollierbaren Kosten weiterentwickeln können – durch schlanke Architekturen, flexible Lizenzmodelle und Cloud-Bereitstellung. Das Ziel ist einfach: Teams dort abholen, wo sie stehen, und BIM um das CAD herum wachsen lassen, dem sie bereits vertrauen.

„Ein gutes BIM-Modell gewinnt seinen Wert nicht dadurch, wie beeindruckend es aussieht, sondern durch die Informationen, die es enthält – und dadurch, wie zuverlässig diese Informationen weitergegeben werden können. “

William Wang

B4T: BIM-Projekte drehen sich nicht nur um 3D-Modelle, sondern vor allem um strukturierte Informationen. Welche Anforderungen muss ein gutes BIM-Modell erfüllen, damit es über Planung, Koordination und Ausführung hinweg wirklich nutzbar ist?

William Wang: Ein gutes BIM-Modell gewinnt seinen Wert nicht dadurch, wie beeindruckend es aussieht, sondern durch die Informationen, die es enthält – und dadurch, wie zuverlässig diese Informationen weitergegeben werden können. Über Planung, Koordination und Ausführung hinweg braucht ein nutzbares Modell aus meiner Sicht vier Eigenschaften. Es muss strukturiert sein – Geometrie ohne Daten ist nur ein schönes Bild. Es muss offen sein – geschlossene Formate unterbrechen die Informationskette, sobald ein Projektbeteiligter mit einer anderen Software arbeitet. Es muss überprüfbar sein – Planungsregeln und technische Informationen sollten geprüft werden können und nicht einfach vorausgesetzt werden. Und es muss kontinuierlich nutzbar sein – vom ersten Entwurf bis zu Betrieb und Instandhaltung. Deshalb stellen wir offene Standards in den Mittelpunkt. Wenn ein Modell über mehrere Projektphasen hinweg nützlich bleiben soll, dürfen Informationen nicht nur gespeichert werden. Sie müssen kontinuierlich geprüft, kommentiert und wiederverwendet werden können.

B4T: OpenBIM und Interoperabilität gelten als zentrale Voraussetzungen für erfolgreiche digitale Zusammenarbeit. Welche Rolle spielen offene Standards wie IFC, damit unterschiedliche Softwarelösungen und Projektbeteiligte zuverlässig zusammenarbeiten können?

William Wang: Offene Standards wie IFC sind ganz einfach die Grundlage des digitalen Bauens. Sobald an einem Projekt mehrere Disziplinen, Auftragnehmer und Eigentümer beteiligt sind, ist Softwarevielfalt unvermeidlich. Das Einzige, was verhindert, dass diese Vielfalt in Chaos umschlägt, ist eine gemeinsame, herstellerneutrale Sprache. IFC stellt genau diese gemeinsame, herstellerneutrale Sprache für den Austausch von Gebäudeinformationen bereit. Dazu gehören IFC-basierte Zusammenarbeit ebenso wie offene Schnittstellen, auf denen Partner und Entwickler aufbauen können. Digitale Transformation dreht sich längst nicht mehr nur um einzelne Werkzeuge. Es geht darum, Menschen, Workflows, Daten und Fachwissen über das gesamte Planungsökosystem hinweg miteinander zu verbinden. Eine offene Plattform ist der einzige ehrliche Weg, das zu erreichen.

B4T: Viele Unternehmen wünschen sich mehr Softwareunabhängigkeit und möchten bestehende Workflows möglichst ohne große Umstellungen weiterführen. Wie wichtig sind Kompatibilität, Nutzergewohnheiten und die Vermeidung von Vendor Lock-in für die Akzeptanz digitaler Planungswerkzeuge?

William Wang: Diese Faktoren sind entscheidend – sie markieren vermutlich sogar die Grenze zwischen Werkzeugen, die angenommen werden, und Werkzeugen, die wieder aufgegeben werden. Kompatibilität schützt die Investitionen, die Unternehmen bereits getätigt haben: ihre DWG-Bibliotheken, ihre eingespielten Arbeitsweisen, ihre Projekthistorie. Nutzergewohnheiten sind kein Hindernis, das beseitigt werden muss. Sie sind angesammelte Erfahrung, die erhalten bleiben sollte. Und die Vermeidung von Vendor Lock-in hält Unternehmen künftige Entscheidungen offen. Deshalb müssen digitale Planungswerkzeuge bestehende Formate, Arbeitsweisen und Plattformen so gut wie möglich unterstützen. Wenn Teams in die Cloud wechseln oder neue kollaborative Funktionen nutzen, sollte sich das wie eine Weiterentwicklung anfühlen – nicht wie ein Bruch mit dem, was im Büro bereits funktioniert. Softwareunabhängigkeit bedeutet aus meiner Sicht nicht, integrierte Plattformen abzulehnen. Es bedeutet, Plattformen so zu wählen, dass Unternehmen die Kontrolle behalten und ihre Daten weiter nutzen können, wenn sich Anforderungen, Projekte oder Technologien verändern. Offene Formate, plattformübergreifende Unterstützung und transparente Lizenzmodelle geben Kunden genau diese Freiheit. Akzeptanz entsteht dann, wenn die Unterbrechung minimal bleibt und die Kontrolle beim Nutzer.

„Ich bin überzeugt, dass wir uns auf eine integrierte Umgebung zubewegen. Und ehrlich gesagt war die Trennung immer künstlicher, als sie in der Praxis wirkte.“

William Wang

B4T: Wenn Sie fünf Jahre in die Zukunft blicken: Werden CAD und BIM weiterhin als getrennte Welten existieren, oder entwickeln wir uns hin zu einer stärker integrierten Planungsumgebung, in der Zeichnungen, Modelle und strukturierte Daten selbstverständlich zusammenspielen?

William Wang: Ich bin überzeugt, dass wir uns auf eine integrierte Umgebung zubewegen. Und ehrlich gesagt war die Trennung immer künstlicher, als sie in der Praxis wirkte. In fünf Jahren werden Zeichnungen, Modelle und strukturierte Daten einfach unterschiedliche Ansichten derselben technischen Wahrheit sein.