Was heute als Gipsplatte, Putz oder Dämmstoff in einem Gebäude verbaut wird, soll Jahrzehnte später möglichst nicht als unbekannter Abfall enden. Damit Materialien wiederverwendet oder hochwertig recycelt werden können, muss jedoch nachvollziehbar bleiben, was sich im Gebäude befindet. Genau an diesem Punkt treffen BIM und Kreislaufwirtschaft aufeinander: Das digitale Gebäudemodell kann Produkt- und Materialinformationen mit dem jeweiligen Bauteil und seinem Einbauort verbinden.
Nachhaltige Materialien wie recycelbare Gipsplatten oder emissionsreduzierte Baustoffe sind ein wichtiger Baustein, um Primärrohstoffe einzusparen und Umweltwirkungen zu reduzieren. Entscheidend ist allerdings nicht allein das einzelne Material. Ebenso wichtig ist, wie es eingebaut, mit anderen Baustoffen verbunden und später wieder getrennt werden kann. Die BIM-Methode bietet dabei elementare Möglichkeiten, entsprechende Produkt- und Materialinformationen strukturiert zu erfassen und für Planung und spätere Nutzung verfügbar zu machen. Victoria Renz-Kiefel, Direktorin Supply Chain Management bei Saint-Gobain Weber Schweiz, betont: „BIM ist das Werkzeug der Wahl, um die Auswahl und Dokumentation von recycelbaren oder wiederverwendbaren Materialien erheblich zu vereinfachen. Das ist entscheidend, denn die Komplexität der Anforderungen – von CO₂-Fußabdruck bis hin zur Recyclingfähigkeit – übersteigt traditionelle Planungsmethoden.“
Mit der Integration von Produkt- und Systemdaten in digitale Modelle können Architektinnen und Architekten frühzeitig prüfen, ob ein Baustoff nicht nur recyclingfähig, sondern auch so eingesetzt wird, dass eine spätere Wiederverwendung oder hochwertige Verwertung möglich bleibt. Ein konkretes Beispiel bietet eine Trockenbauplatte: Gips ist von Natur aus recyclingfähig, doch nur durch die Berücksichtigung des gesamten Systems, etwa der Verbindungen und der späteren Trennbarkeit der einzelnen Schichten, kann eine Wiederverwendung beziehungsweise ein hochwertiges Recycling effizient gestaltet werden.
Laut Renz-Kiefel müssen „Informationen auf verschiedenen Ebenen – von der Material- bis zur Systemebene – im BIM-Modell integriert werden“. Eine weitere Herausforderung liegt darin, die Informationen aus der Planung bis in das tatsächlich gebaute Gebäude weiterzuführen. „Wir müssen sicherstellen, dass das, was geplant wird (As-planned-Modell), auch tatsächlich verbaut wird (As-built-Modell)“, erklärt sie. Mobile Anwendungen, die eine einfache Registrierung und Überprüfung von Materialien auf der Baustelle erlauben, könnten hier Abhilfe schaffen. Dann wäre nicht nur dokumentiert, was ursprünglich vorgesehen war, sondern auch, welches konkrete Produkt letztlich an welcher Stelle eingebaut wurde.
Ein Kreislaufprinzip für die Bauwirtschaft
Das Prinzip des Stoffkreislaufes verfolgt das Ziel, Abfall zu vermeiden. Produkte und Materialien werden von Anfang an so konzipiert, dass sie am Ende ihres Lebenszyklus möglichst wiederverwendet, recycelt oder als Sekundärrohstoff für neue Produkte eingesetzt werden können. BIM kann dabei helfen, indem es die dafür relevanten Informationen über Materialien, Bauteile und Systeme mit dem Gebäude verknüpft und langfristig auffindbar macht.
„BIM kann das Ganze einfacher machen, vor allem weil das Thema Nachhaltigkeit ja ganz schnell sehr komplex werden kann.“
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Victoria Renz-Kiefel hebt hervor, dass die Herausforderung oft in der „zerfaserten Tool-Landschaft“ liegt: „Von der CO₂-Berechnung bis zur Bauphysik nutzen wir unterschiedliche Software, was zu aufwändigen Workarounds führt.“ Die Lösung besteht allerdings nicht zwangsläufig darin, sämtliche Daten in einem einzigen BIM-Modell zu speichern. Entscheidend ist vielmehr, dass die verschiedenen Anwendungen auf verlässliche Informationen zugreifen und diese über standardisierte Schnittstellen austauschen können. Damit verschiebt sich auch die Rolle von BIM. Das Modell muss nicht zur Datenbank für jede einzelne Produktinformation werden. Es kann vielmehr den Bezug zwischen Gebäude, Bauteil und Produkt herstellen und dafür sorgen, dass die jeweils benötigten Informationen im richtigen Prozess verfügbar sind.
Der Digitale Produktpass wird Teil der Datenlandschaft
Der Digitale Produktpass (DPP) ist im europäischen Rechtsrahmen fest verankert. Die neue EU-Bauproduktenverordnung 2024/3110 trat am 7. Januar 2025 in Kraft, ihre wesentlichen Bestimmungen gelten seit dem 8. Januar 2026. Sie schafft für Bauprodukte ein eigenes System Digitaler Produktpässe. Der DPP soll Produktinformationen digital, maschinenlesbar und über den Lebenszyklus hinweg zugänglich machen. Die Bauproduktenverordnung sieht vor, unter anderem die Leistungs- und Konformitätserklärung sowie weitere vorgeschriebene Produktinformationen über dieses System bereitzustellen. Auch Umweltinformationen gewinnen mit der neuen Verordnung deutlich an Bedeutung. Hersteller müssen für die erfassten Produktgruppen schrittweise festgelegte Umweltmerkmale auf Basis von Lebenszyklusanalysen deklarieren.
Die technische Infrastruktur dafür steht ebenfalls nicht mehr nur auf dem Papier. Seit Juli 2026 ist das europäische Digital Product Passport Registry in Betrieb. Dort werden eindeutige Produktkennungen und zugehörige Metadaten registriert. Die vollständigen Produktinformationen selbst werden dezentral vorgehalten. Gleichzeitig sind erste harmonisierte Standards unter anderem für eindeutige Identifikatoren, Schnittstellen, Datenaustausch und Datenspeicherung veröffentlicht.Für Bauprodukte bedeutet das allerdings noch nicht, dass heute bereits jedes Produkt einen verpflichtenden Digitalen Produktpass besitzt. Die Bauproduktenverordnung wird schrittweise nach Produktfamilien umgesetzt. Die EU-Kommission sieht die spezifischen DPP-Anforderungen für Bauprodukte nach aktueller Planung für 2027 vor.
Gerade deshalb bleibt das Thema Standardisierung zentral. „Wir benötigen standardisierte Schnittstellen, damit Hersteller ihre Produktinformationen kontinuierlich aktualisieren können“, fordert Renz-Kiefel. Ein Beispiel: Ein Putz, der heute als nicht recyclingfähig gilt, könnte durch technologische Fortschritte in 15 Jahren anders bewertet werden. Statt den heutigen Informationsstand dauerhaft in einem BIM-Objekt einzufrieren, kann ein eindeutiger Produkt-Identifier die Verbindung zu einer aktuell gehaltenen Informationsquelle herstellen. Das passt auch zur Architektur des Digitalen Produktpasses: Das EU-Register speichert nicht sämtliche Produktdaten zentral, sondern eindeutige Identifikatoren und Metadaten, über die der jeweilige Produktpass auffindbar bleibt.
Für BIM eröffnet das eine interessante Perspektive. Das Gebäudemodell könnte dokumentieren, welches Produkt an welcher Stelle verbaut wurde, während aktuelle Hersteller- und Produktinformationen über den Digitalen Produktpass beziehungsweise angebundene Datenquellen erreichbar bleiben. Ändert sich beispielsweise Jahre später die Bewertung der Recyclingfähigkeit oder stehen neue Informationen zu einem Material zur Verfügung, müssen diese nicht zwingend nachträglich in jedem Gebäudemodell geändert werden.
„Damit schaffen wir die Grundlage für eine langfristige Nutzung und Aktualisierung von Materialdaten – eine essenzielle Voraussetzung für zirkuläres Bauen“, betont Renz-Kiefel.
Neue Technologien und Zusammenarbeit sind die Grundbausteine
Trotz der vielen Vorteile von BIM im Zusammenhang mit zirkulärem Bauen gilt es, Herausforderungen zu meistern. Laut Renz-Kiefel müssen „Hersteller ihre Daten umfassend erfassen und bereitstellen.“ Dabei geht es nicht nur um einzelne Nachhaltigkeitskennwerte. Produktinformationen müssen strukturiert, eindeutig zuordenbar und über verschiedene Softwarelösungen hinweg nutzbar sein. Mit der Bauproduktenverordnung und dem Digitalen Produktpass werden die Rahmenbedingungen dafür konkreter, die Umsetzung in den einzelnen Produktgruppen steht jedoch teilweise noch am Anfang.
„BIM ist das Fundament, das wir brauchen, um nachher überhaupt nachhaltig bauen zu können.“
Zudem fehlt es häufig an einer ganzheitlichen Integration der Tools. BIM-Autorensoftware, Ökobilanzierungsprogramme, Produktdatenbanken, Materialkataster und Anwendungen für den Gebäudebetrieb arbeiten noch längst nicht überall durchgängig zusammen. Gleichzeitig entstehen mit den neuen europäischen Vorgaben gemeinsame Strukturen für Produktidentifikation, Schnittstellen und Datenaustausch. Die Herausforderung liegt deshalb zunehmend weniger darin, überhaupt Daten zu erzeugen. Entscheidend wird, welche Informationen benötigt werden, wer für ihre Qualität und Aktualisierung verantwortlich ist und wie sie über Planung, Bau, Betrieb und Rückbau hinweg verfügbar bleiben.
Ein weiteres Hindernis ist die Ausbildung: Viele Bauschaffende verfügen nicht über das notwendige Know-how. Hier fordert Renz-Kiefel mehr Fortbildungsangebote, um zahlreiche Barrieren abzubauen und digitale Planung und Nachhaltigkeit für alle zugänglich zu machen. Für die Kreislaufwirtschaft ist dieser Kompetenzaufbau besonders wichtig. Denn ein Digitaler Produktpass allein macht ein Gebäude noch nicht kreislauffähig. Erst wenn Produktdaten mit Planung, tatsächlichem Einbau, Betrieb und späterem Rückbau verbunden werden, entsteht daraus eine belastbare Informationskette. „BIM ist das Fundament, das wir brauchen, um nachhaltig bauen zu können“, fasst Renz-Kiefel zusammen.

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