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Beton aus Beton: Wie Kreislaufwirtschaft im Bau gelingt

Die Bauwirtschaft verbraucht enorme Mengen mineralischer Rohstoffe. Doch nur ein Teil der zurückgewonnenen Materialien gelangt zurück in gleichwertige Anwendungen. Für Michael Scharpf von Holcim Deutschland braucht echte Kreislaufwirtschaft deshalb mehr als Recyclingtechnik: Entscheidend sind auch Logistik, Normen, Daten und wirtschaftliche Anreize.

27.09.2026 · 9 Min.

A red STRICKER excavator with a full bucket of rubble in the foreground. A white Holcim trailer is in the background under a cloudy sky.Holcim
Betonabbruch lässt sich selektiv zurückbauen, brechen, sieben und in verschiedene Fraktionen trennen.
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Die Bauwirtschaft ist einer der größten Rohstoffverbraucher der Welt. Nahezu 50 Prozent der weltweiten Materialentnahme entfallen auf den Gebäude- und Bausektor, wie der Global Status Report for Buildings and Construction 2025–2026 von UNEP und GlobalABC zeigt. Welche gewaltigen Mengen über Jahrzehnte in Gebäuden und Infrastruktur gebunden werden, zeigt exemplarisch der Materialbestand der Schweiz: 2015 steckten dort rund 3,17 Milliarden Tonnen Material in Bauwerken. 93 Prozent davon entfielen auf Kies und Sand, Asphalt, Beton und Mauerwerk. Beton allein machte mit rund 1,32 Milliarden Tonnen 42 Prozent aus. Michael Scharpf rechnet diese Größenordnung für Deutschland überschlägig mit dem Faktor neun hoch. Damit wären hier über die Jahre mehrere zehn Milliarden Tonnen Material in Gebäuden und Infrastruktur gebunden. Der Head Sustainable Construction bei Holcim Deutschland beschäftigt sich mit der Frage, wie sich zumindest ein Teil dieses gewaltigen Rohstofflagers nach dem Ende einer Nutzung wieder in den Materialkreislauf zurückführen lässt.

208 Millionen Tonnen Abfall und trotzdem zu wenig Recyclingmaterial

Einen Eindruck davon, welche Mengen aus diesem Bestand jährlich wieder frei werden, geben die mineralischen Bauabfälle in Deutschland. Rund 208 Millionen Tonnen fallen laut Mineralischer Rohstoffverband im Jahr 2022 an. Den größten Anteil bilden Bodenmaterial und Steine, gefolgt von Bauschutt und Straßenaufbruch. Aus diesen Abfallströmen entstehen jedoch nur rund 75 Millionen Tonnen Recyclingbaustoffe. Gemessen am gesamten Bedarf an mineralischen Baustoffen in Deutschland decken sie lediglich 13 bis 14 Prozent.

Für Michael Scharpf führt deshalb kein Weg an einer anderen Logik vorbei. Gebäude und Infrastrukturen müssen stärker als temporäre Materiallager verstanden werden. Baustoffe sollten nach ihrer Nutzung nicht automatisch zu Abfall werden, sondern möglichst wieder als Rohstoff für neue Produkte dienen. Dabei sind die Recyclingquoten einzelner Segmente bereits hoch. Beim Bauschutt nennt Holcim rund 80 Prozent, beim Straßenaufbruch etwa 90 Prozent. Das Problem liegt also nicht allein darin, ob Material überhaupt verwertet wird, sondern wofür es anschließend eingesetzt wird. Ein großer Teil der Recyclingbaustoffe landet im Straßen- und Gleisbau oder in anderen minderwertigen Anwendungen. Für die Herstellung von Beton stehen von den rund 75 Millionen Tonnen Recyclingbaustoffen nur etwa 14,5 Millionen Tonnen zur Verfügung.

Recyclingbeton muss nicht erst erfunden werden

Technisch ist das längst möglich. Betonabbruch lässt sich selektiv zurückbauen, brechen, sieben und in verschiedene Fraktionen trennen. Regelwerke definieren, welche Recyclingmaterialien in welcher Menge für neuen Beton eingesetzt werden dürfen. Dabei wird beispielsweise zwischen reinem Betonabbruch und Mischabbruch unterschieden, der zusätzlich Ziegel, Kalksandstein oder andere mineralische Bestandteile enthalten kann.

Recyclingbeton kommt bereits in verschiedenen Anwendungen zum Einsatz, darunter Sichtbeton und wasserundurchlässige Bauteile. Die Technologien und Normen sind also vorhanden. Auch geeignete Ausgangsmaterialien sind in ausreichenden Mengen verfügbar und gelangen zuverlässig zurück in die Produktion. Inzwischen werden auch Fraktionen interessant, die beim klassischen Beton-Recycling nicht vollständig als sekundäre Gesteinskörnung eingesetzt werden können. Holcim nutzt beispielsweise aufbereiteten und fein gemahlenen Betonabbruch als Bestandteil von Zement. Bei einem entsprechenden Zement können Holcim zufolge rund 20 Prozent des Gewichts aus diesem Recyclingmaterial bestehen. In Deutschland hat Holcim dafür als erstes Unternehmen eine allgemeine bauaufsichtliche Zulassung erhalten, in der Schweiz ist ein vergleichbarer Recyclingzement bereits seit mehreren Jahren im Einsatz.

Das kann zugleich die CO₂-Bilanz verbessern. Zementklinker ist der besonders CO₂-intensive Hauptbestandteil von Zement, der durch das Brennen mineralischer Rohstoffe bei sehr hohen Temperaturen entsteht. Wenn sich dessen Anteil durch andere geeignete Bestandteile reduzieren lässt, sinken auch die damit verbundenen Emissionen. Ressourcenschonung und Klimaschutz können sich somit ergänzen. Sie sind aber nicht dasselbe.

A huge pile of concrete and dirt rubble in the foreground, with two massive gray industrial silos connected by a bridge against a clear blue sky.Holcim

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CO₂ sparen und Ressourcen schonen sind zwei verschiedene Aufgaben

Eine Ökobilanz beantwortet unter anderem, welche Umweltwirkungen und CO₂-Emissionen ein Baustoff verursacht. Sie sagt jedoch nicht automatisch, wie gut dieser Baustoff im Kreislauf geführt wird. Ein Recyclingprodukt kann Primärrohstoffe ersetzen und Abfall vermeiden, ohne deshalb bei jeder CO₂-Betrachtung den größten Vorteil zu erzielen.

Scharpf spricht deshalb von zwei „Währungen“. Eine davon ist die inzwischen etablierte Ökobilanz mit Kennwerten wie CO₂. Die zweite betrifft Ressourcenverbrauch, Abfallvermeidung und Zirkularität. Bei der Ökobilanzierung sieht er die Bau- und Immobilienbranche bereits vergleichsweise weit, bei der Materialbilanzierung dagegen noch deutlich weniger einheitlich.

Für die Auswahl von Baustoffen könnte das künftig eine größere Rolle spielen. Neben Preis, technischer Leistung und CO₂-Fußabdruck wäre dann stärker zu berücksichtigen, wie viel Primärmaterial ein Produkt benötigt, welche Sekundärrohstoffe es enthält und was nach seiner ersten Nutzung mit ihm geschehen kann. Ein Baustoff wäre nicht allein deshalb nachhaltig, weil er einen niedrigen CO₂-Wert erreicht.

Warum der Rückweg schwieriger ist als die Lieferung zur Baustelle

Dass vorhandene Materialien nicht automatisch wieder in der Produktion landen, hat einen sehr praktischen Grund. Für neue Baustoffe gibt es etablierte Lieferketten aus in der Regel einigen wenigen Rohstoffquellen. Der Rückweg funktioniert deutlich fragmentierter. Abbruchmaterial muss gesammelt, sortiert, transportiert, angenommen, geprüft und aufbereitet werden. Gleichzeitig braucht ein Hersteller ausreichend große und kontinuierlich verfügbare Mengen, wenn er Recyclingprodukte verlässlich anbieten will.

Holcim baut dafür Recycling-Hubs auf. Dort kann mineralisches Abbruchmaterial angenommen und hochwertig aufbereitet werden. Solche Strukturen sollen dazu beitragen, die Rückwärtslogistik zu organisieren. Hinzu kommt eine weitere Besonderheit: Recyclingmaterial unterliegt einer strengeren Überwachung als Primärmaterial aus einer bekannten Lagerstätte. Seine Zusammensetzung hängt davon ab, welche Bauwerke gerade zurückgebaut werden. Hersteller müssen die angelieferten Stoffströme deshalb engmaschig prüfen und für die gewünschte Anwendung aufbereiten.

Noch anspruchsvoller wird es, wenn ganze Bauteile wiederverwendet werden sollen. Dann reicht es nicht zu wissen, dass ein Bauteil grundsätzlich weitergenutzt werden könnte. Bekannt sein müssen auch Zeitpunkt und Ort des Ausbaus, Zustand und Eigenschaften sowie ein möglicher neuer Abnehmer. Kreislaufwirtschaft wird damit zu einer Logistikaufgabe, die Angebot und Nachfrage zeitlich und räumlich zusammenbringen muss.

Ohne Daten bleibt das Gebäude ein unbekanntes Rohstofflager

Damit kommen digitale Informationen ins Spiel. Soll ein Gebäude künftig als Materiallager dienen, müssen seine Bestandteile auffindbar und beschreibbar bleiben. Welche Materialien wurden eingebaut? In welchen Mengen? Welche Eigenschaften haben sie? Können sie wiederverwendet oder recycelt werden? Und wann stehen sie voraussichtlich wieder zur Verfügung?

Für die Bewertung und Dokumentation gibt es inzwischen verschiedene Ansätze. Dazu gehören der Urban Mining Index (UMI), ebenso wie der Madaster Circularity Indicator, der DGNB Gebäuderessourcenpass und den Circular Transition Indicator des World Business Council for Sustainable Development. Hinzu kommt der europäische Digital Product Passport, der künftig weitere Produktinformationen digital verfügbar machen soll.

Damit wächst allerdings auch die Zahl der Daten und Bewertungssysteme. Eine der offenen Fragen liegt darin, welche Informationen tatsächlich für Entscheidungen gebraucht werden. Hersteller, Planer, Betreiber und Rückbauunternehmen haben unterschiedliche Anforderungen. Auch die Materialströme selbst müssen digital sichtbar werden. Ein wiederverwendbares Bauteil nützt wenig, wenn niemand weiß, dass es verfügbar wird oder wenn Angebot und Nachfrage zeitlich oder räumlich nicht zusammenpassen.

Ein Gebäude als Rohstofflager zu betrachten, klingt deshalb zunächst einfach. In der Praxis braucht dieses Lager ein digitales Inventar. Erst dann lässt sich Urban Mining in größerem Maßstab organisieren.

Auch Normen müssen mit dem Kreislauf Schritt halten

Nicht alle Hindernisse lassen sich zudem mit Technik und Daten beseitigen. Ein Teil steckt im Regelwerk. Viele Normen und Zulassungsverfahren wurden für eine Bauwirtschaft entwickelt, in der neue Produkte hergestellt, geprüft und anschließend eingebaut werden. Die Wiederverwendung stellt andere Fragen.

Beim Recyclingbeton sind zahlreiche Anwendungen inzwischen klar geregelt. Bei neueren Lösungen, etwa dem Einsatz von Recyclingmaterial im Zement, waren zusätzliche Zulassungen nötig. Noch schwieriger kann es bei ganzen Bauteilen werden. Ein Produkt kann beim ersten Einbau sämtliche damaligen Anforderungen erfüllt haben. Jahrzehnte später gelten möglicherweise andere Vorgaben, beispielsweise beim Brandschutz. Soll das Bauteil erneut eingesetzt werden, muss seine Eignung unter den aktuellen Bedingungen nachgewiesen werden.

Rückbaubare Konstruktionen und eine gute Materialdokumentation schaffen deshalb wichtige Voraussetzungen, reichen aber nicht aus. Eine funktionierende Kreislaufwirtschaft braucht zugleich Planungsprozesse, Qualitätsmanagement und Regeln, die den erneuten Einsatz gebrauchter Produkte rechtssicher ermöglichen.

Was ist ein Baustoff nach 30 Jahren noch wert?

Neben Technik, Daten und Normen stellt sich eine wirtschaftliche Frage: Welchen Wert besitzt ein Baustoff eigentlich, nachdem er eingebaut wurde? Noch taucht der Materialwert eines Gebäudes in der klassischen Immobilienbewertung nicht als eigenständige Wertkomponente auf. Im schlechtesten Fall wird das Material am Ende der Nutzungsphase nur noch über die Kosten für seinen Abbruch betrachtet.

Für eine Kreislaufwirtschaft ist diese Logik problematisch. Wenn Rohstoffe knapper werden, können die in Gebäuden gebundenen Materialien an Bedeutung gewinnen. Ein Betonbauteil, eine Fassade oder eine andere Konstruktion wäre dann nicht lediglich etwas, das am Lebensende entsorgt werden muss, sondern ein potenzieller zukünftiger Rohstoff.

Daraus könnten neue Geschäftsmodelle entstehen. Hersteller könnten ein Interesse daran entwickeln, Materialien nach ihrer ersten Nutzungsphase zurückzuerhalten und erneut in die eigene Produktion einzuspeisen. Gebäude würden damit nicht mehr als Endstation für Baustoffe betrachtet, sondern als temporärer Nutzungsort.

Auch wirtschaftlich muss Recycling in Zukunft nicht zwangsläufig einen großen Aufpreis bedeuten. Berechnungen von Holcim zufolge kann Recyclingbeton je nach Rahmenbedingungen und Rohstoffverfügbarkeit preislich auf dem Niveau konventionellen Betons liegen. Teilweise ist er wenige Prozent teurer, nach Einschätzung der Experten deutlich unter fünf Prozent, in bestimmten Konstellationen kann er sogar günstiger sein. Einfluss haben unter anderem die Transportwege und das Geschäftsmodell der Aufbereitung: Recyclingunternehmen können sowohl mit der Annahme des Ausgangsmaterials als auch mit dem Verkauf des aufbereiteten Baustoffs Erlöse erzielen.

Die öffentliche Hand kann Nachfrage schaffen

Für den Schritt in einen breiteren Markt käme der öffentlichen Hand eine Schlüsselrolle zu. Allein 2024 wurden laut Vergabestatistik des Bundeswirtschaftsministeriums öffentliche Bauaufträge mit einem Volumen von 47,7 Milliarden Euro gemeldet. Eine 2025 veröffentlichte Studie des Wuppertal Instituts und von Butterfly Effect Consulting, die im Auftrag von Holcim Deutschland erstellt wurde, sieht darin einen zentralen Hebel für die Baustoffwende. Sie empfiehlt unter anderem, Nachhaltigkeitskriterien stärker in öffentlichen Ausschreibungen zu verankern und wirtschaftliche Rahmenbedingungen zu schaffen, die Investitionen in zirkuläre Produktionsprozesse und Baustoffe erleichtern.

Denn gerade für Aufbereitungsunternehmen ist Planungssicherheit entscheidend: Die Studie weist darauf hin, dass Unternehmen Investitionen in moderne Recyclinganlagen zurückstellen, wenn unklar ist, ob es für die produzierten Sekundärbaustoffe dauerhaft einen Markt gibt.

Öffentliche Investitionen in die Sanierung von Straßen, Brücken, Gebäuden und anderer Infrastruktur könnten deshalb über das einzelne Projekt hinaus wirken: Eine verlässliche Nachfrage nach Recyclingbaustoffen schafft Absatzmöglichkeiten und kann damit weitere Investitionen in Aufbereitungs- und Produktionskapazitäten anstoßen. Bund, Länder und Kommunen sind also gefordert, ihre Rolle als Bauherren und Auftraggeber gezielt zu nutzen.

Damit entscheidet sich der Erfolg der Kreislaufwirtschaft längst nicht mehr allein an der technischen Machbarkeit. Aus altem Beton lässt sich heute neuer Beton herstellen. Damit dies jedoch in größerem Maßstab geschieht, müssen Rückwärtslogistik, Qualitätskontrolle, Normen, digitale Informationen, wirtschaftliche Anreize und eine verlässliche Nachfrage zusammenspielen.

Abbruchmaterial muss zuverlässig zurückkommen, Hersteller müssen daraus qualitätsgesicherte Produkte herstellen können und diese Produkte brauchen Abnehmer. Erst wenn dieser Kreislauf auch wirtschaftlich funktioniert, kann Recycling in der notwendigen Größenordnung wachsen.

Die Auswahl eines Baustoffs könnte sich dadurch künftig um eine weitere Frage erweitern: Was kann aus diesem Material werden, wenn das Gebäude es nicht mehr braucht?

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