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Echtzeitdaten im Gleisbau – vom Sensor in den Produktionsleitstand

Die modellbasierte Planung ist im Bahnbau angekommen – doch erst durch die Integration von Echtzeitdaten kann BIM seine volle Wirkung entfalten. Wer Infrastrukturprojekte künftig effizienter und robuster planen und steuern will, muss den Schritt vom statischen Modell zur dynamischen Prozessbegleitung vollziehen. Sensoren, Drohnen und KI liefern dafür laufend Informationen von der Baustelle.

Railway engineer in orange safety gear viewing a tablet on tracks, with blurred yellow maintenance vehicles in the background.Bild KI generiert
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Seit August 2025 läuft auf einem rund fünf Kilometer langen Abschnitt der Generalsanierung Hamburg–Berlin bei Aumühle ein ungewöhnlicher Baustellencontainer mit. Im Auftrag der DB InfraGO wird dort der Q-tainer von Rhomberg Sersa eingesetzt. Autonome Drohnen dokumentieren den Baufortschritt, Sensoren erfassen unter anderem Umweltdaten. Die gewonnenen Informationen werden direkt vor Ort verarbeitet und mit dem geplanten Bauablauf abgeglichen. Ziel ist es, Abweichungen möglichst früh zu erkennen und Projektleitung sowie Bauüberwachung eine aktuelle Datengrundlage zur Verfügung zu stellen.

Was auf der Strecke Hamburg–Berlin praktisch erprobt wird, ist Teil einer Entwicklung, an der Rhomberg Sersa schon seit mehreren Jahren arbeitet: Echtzeitdaten im Gleisbau sind weit mehr als ein digitales Add-on – sie verändern die Abläufe grundlegend. Ralf Sommer, Leiter Digital Rail Services Österreich bei der Rhomberg Sersa Rail Group, beschäftigt sich mit der Frage, wie Daten aus Planung und Baustelle enger miteinander verbunden werden können. Schon in der Planung zeigt sich ihr Nutzen: Anstelle subjektiver Erfahrungswerte treten objektive, kontinuierlich gewonnene Daten. „Aktuell werden oft Erfahrungswerte von einzelnen Personen zur Planung genutzt“, erklärt Ralf Sommer. „Durch Echtzeitdaten ist eine Planung auf Basis echter, objektiver Daten möglich.“ Diese Verlagerung führt zu präziseren Prognosen und einer flexibleren Ressourcensteuerung – insbesondere dann, wenn Plan- und Ist-Daten in kurzen Zyklen abgeglichen werden.

Hinzu kommt ein zweiter Effekt: Daten aus laufenden Baustellen können auch für kommende Projekte wertvoll werden. Werden Baufortschritt, Maschinenbewegungen, Wetter oder Störungen strukturiert erfasst, entsteht mit jedem Projekt eine breitere Erfahrungsbasis. Planung stützt sich dann nicht mehr ausschließlich auf persönliche Erfahrungswerte, sondern zunehmend auch auf Daten aus tatsächlich ausgeführten Bauabläufen.

Von der Bauüberwachung zur Echtzeitsteuerung

Die Vorteile setzen sich in der Bauausführung fort. Echtzeitinformationen erlauben eine kurzfristige Reaktion auf Abweichungen, bevor sie sich negativ auf Termine oder Qualität auswirken. Die Baustellenüberwachung wird dabei durch automatisierte Erfassungssysteme unterstützt, wodurch die Bauherrenfunktion datenbasiert gestärkt wird. Beim Pilotprojekt auf der Strecke Hamburg–Berlin wird dieser Ansatz bereits konkret: Der Baufortschritt unter anderem bei Lärmschutzwänden und Kabeltiefbau wird automatisiert erfasst und dem Soll-Verlauf gegenübergestellt. Damit entsteht ein wesentlich aktuelleres Bild davon, ob einzelne Leistungen im vorgesehenen Zeitfenster liegen.

Die technische Grundlage bilden Sensoren und vernetzte Systeme. Rhomberg Sersa setzt hier auf moderne Sensortechnik, darunter auch KI-gestützte Kameras, Drohnen und automatisierte Bildauswertung. Die notwendige Rechenleistung bringt der Q-tainer direkt auf die Baustelle. Das mobile Rechenzentrum verarbeitet Daten vor Ort und stellt unter anderem ein lokales 5G-Campusnetz zur Verfügung, über das Sensoren und weitere digitale Anwendungen angebunden werden können. Das Prinzip dahinter ist Edge Computing: Große Datenmengen müssen nicht zunächst vollständig an ein entferntes Rechenzentrum übertragen werden, sondern können dort verarbeitet werden, wo sie entstehen. Für Baustellen mit Videodaten, Sensorik und kurzen Reaktionszeiten ist das ein entscheidender Vorteil.

Auch die Arbeitssicherheit kann profitieren. Man kann mit KI-gestützten Kameras erkennen, ob Personen ihre vorgeschriebene Schutzausrüstung tragen. Darüber hinaus lassen sich Bewegungen von Fahrzeugen und Personen analysieren, um mögliche Kollisionsbereiche oder Sicherheitsrisiken sichtbar zu machen. Rhomberg Sersa nennt unter anderem Helme und Warnwesten sowie die Erkennung von Wegen und Gefahrenbereichen als mögliche Anwendungsfälle.

Sensorik, Rechenpower und Transparenz als Infrastruktur der Daten

Damit Echtzeitdaten ihren vollen Mehrwert entfalten können, müssen sie intelligent ausgewertet werden. Hier kommt die Künstliche Intelligenz ins Spiel. Sie kann Prozesse und Aktivitäten von Großgeräten erkennen und daraus automatisch Informationen über Bauabläufe, Fortschritt oder Ressourceneinsatz ableiten. Erst die Verbindung der unterschiedlichen Datenquellen macht aus einzelnen Messwerten ein Bild der Baustelle. Drohnen liefern Aufnahmen, Sensoren melden Zustände und Umweltwerte, Bauablaufplanung und BIM liefern den Soll-Zustand. KI-gestützte Auswertungen können daraus Abweichungen erkennen und die Ergebnisse über Dashboards für die Projektbeteiligten aufbereiten.

Ralf Sommer sieht in dieser Entwicklung eine fundamentale Veränderung der Zusammenarbeit: „Echtzeitdaten schaffen Transparenz, da alle dieselben Informationen haben. Transparenz schafft in der Regel Vertrauen.“ Die gemeinsame Datengrundlage stärkt die Kollaboration über alle Projektphasen hinweg – von der Planung über die Ausführung bis zur Instandhaltung. Gerade in Infrastrukturprojekten mit Auftraggebern, Bauüberwachung, ausführenden Unternehmen und zahlreichen Nachunternehmern ist das relevant. Die Beteiligten arbeiten häufig mit unterschiedlichen Systemen und Informationsständen. Eine gemeinsame aktuelle Datengrundlage verhindert Konflikte nicht automatisch, kann aber dafür sorgen, dass zumindest über denselben Ist-Zustand gesprochen wird.

Gleichzeitig stellt diese Datenintensität hohe Anforderungen an die IT-Infrastruktur. Neben stabilen Netzwerken braucht es dezentrale Rechenkapazitäten, die auf der Baustelle einsatzbereit sind. Der Q-tainer ist dafür ein Beispiel, wie moderne Infrastrukturprojekte eigene digitale Ökosysteme aufbauen. Dabei soll kein neues Datensilo entstehen. Der Q-tainer ist modular aufgebaut und darauf ausgelegt, unterschiedliche Datenquellen und Anwendungen einzubinden. Sensordaten, Bildinformationen und weitere Baustellendaten können damit in einer gemeinsamen Infrastruktur verarbeitet werden.

Vom Datenstrom zum Produktionsleitstand

Der Blick in die Zukunft ist bei Rhomberg Sersa bereits konkret: Die Vision heißt „Produktionsleitstand Bahn“. Dabei sollen BIM, Baustellendaten, KI und digitale Zwillinge so miteinander verbunden werden, dass nicht nur sichtbar ist, was auf der Baustelle passiert, sondern auch, wie der tatsächliche Zustand vom geplanten Ablauf abweicht. Ein Teil dieser Vision ist Anfang 2026 bereits Realität. Der Q-tainer wird bei der Generalsanierung Hamburg–Berlin zur automatisierten Baufortschrittskontrolle und Umweltüberwachung eingesetzt. Ein zeitnaher Plan-Ist-Abgleich soll Abweichungen sichtbar machen und den Verantwortlichen die Möglichkeit geben, früh gegenzusteuern.

Von einer autonom gesteuerten Baustelle ist das allerdings noch entfernt. Die Systeme liefern Daten, erkennen Muster und bereiten Entscheidungen vor. Ob eine Baufolge geändert, zusätzliches Personal eingesetzt oder ein Termin angepasst wird, entscheiden weiterhin die Verantwortlichen. Die Digitalisierung verschiebt damit nicht die Verantwortung auf die Maschine. Sie verändert vielmehr die Informationsbasis, auf der Entscheidungen getroffen werden. Langfristig entsteht daraus ein Regelkreis: Das digitale Modell beschreibt den Soll-Zustand, Sensoren und Reality-Capture-Verfahren erfassen den Ist-Zustand, Software erkennt Unterschiede und Projektverantwortliche reagieren darauf. Die realen Erfahrungen aus der Baustelle fließen wiederum in die nächsten Planungen ein.

Für den Gleisbau wäre das ein grundlegender Wandel. BIM würde nicht mehr überwiegend die Planung strukturieren und das fertige Bauwerk dokumentieren. Das Modell würde zum Teil eines laufenden Produktionssystems, das Planung und Baustelle kontinuierlich miteinander verbindet. Der Produktionsleitstand Bahn ist Anfang 2026 noch eine Vision. Die technischen Bausteine dafür sind auf der Baustelle aber bereits angekommen.

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