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InfrastrukturInterview

„Daten sind strategische Ressource, kein Abfallprodukt der Bauphase“

Der Bau von Straßen, Schienenwege, Brücken und Versorgungsnetze braucht Daten, die Raum, Zeit, Baugrund, Betrieb und Lebenszyklus abbilden. Im Ask-the-Expert-Interview erklärt Peter Rummel von Bentley Systems, warum digitale Zwillinge, offene Standards und KI entscheidend werden, um Infrastruktur nicht nur zu planen, sondern über Jahrzehnte verlässlich zu betreiben.

14.10.2026 · 5 Min.

Peter RummelBentley
Peter Rummel ist Director Infrastructure Policy Advancement bei Bentley Systems.
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B4T: BIM wird häufig noch stark mit Gebäuden verbunden. Was unterscheidet den Einsatz vom BIM bei Straßen, Schienenwegen, Brücken oder Versorgungsnetzen grundlegend vom klassischen Hochbau?

Peter Rummel: Infrastrukturprojekte wie Straßen, Schienenwege, Brücken oder Netze erstrecken sich oft über hunderte Kilometer und bewegen sich in hochkomplexen, variablen Umgebungen. Bei Projekten dieser Größenordnung sind vor allem Baugrundrisiken die Hauptursache für Verzögerungen und Kostenüberschreitungen. Deshalb müssen bei Infrastrukturprojekten zwingend auch die Subsurface-Daten, also Daten zum geografischen Kontext und des Baugrunds integriert werden. Eine umfassende Datenhygiene entscheidet hier über den Projekterfolg. Hinzu kommt: Straßen, Schienenwege und Versorgungsnetze müssen als zusammenhängende Systeme betrachtet werden. Es geht nicht nur um einzelne Bauwerke, sondern auch um die Modellierung dynamischer Wechselwirkungen, betrieblicher Kapazitäten und der langfristigen Resilienz gegenüber extremen Wetterereignissen über viele Jahrzehnte hinweg.

„Erst durch einen kontinuierlichen Rückfluss von Kontextdaten in Echtzeit wird das Modell zu einem lebendigen Steuerungsinstrument.“

Peter Rummel

B4T: Das klingt komplex. Welche zusätzlichen Daten und Prozesse sind notwendig, damit ein Modell den realen Zustand und alle Wechselwirkungen einer Infrastruktur kontinuierlich widerspiegeln kann, also zum digitalen Zwilling wird?

Peter Rummel: Ein statisches 3D-BIM-Modell ist erst einmal nur eine geometrische Momentaufnahme aus der Konstruktionsphase. Zum echten digitalen Zwilling wird es, wenn es kontinuierlich mit der physischen Realität verknüpft ist und sich dynamisch mit ihr verändert. Dafür braucht es eine durchgängige Datenumgebung, die reale Betriebsdaten aus IoT-Sensoren, Drohnenscans, geotechnischen Baugrundanalysen und Umweltmessungen in Echtzeit integriert. Hinzu kommt die 4D-Komponente, die das Modell um die zeitliche Dimension erweitert. Erst durch diesen kontinuierlichen Rückfluss von Kontextdaten wird das Modell zu einem lebendigen Steuerungsinstrument. Betreiber können dadurch vorausschauende Wartungsstrategien entwickeln, Schwachstellen vor einem Ausfall erkennen und verlässliche Simulationen für den laufenden Betrieb durchführen.

B4T: Zwischen Planung, Bau und Betrieb liegen allerdings oft Jahrzehnte. Wie kann sichergestellt werden, dass digitale Informationen über diesen langen Zeitraum aktuell und tatsächlich nutzbar bleiben?

Peter Rummel: Die Absicherung von Daten über Jahrzehnte hinweg erfordert die konsequente Abkehr von proprietären Dateiformaten und isolierten Datensilos. Wir setzen deshalb auf eine datenzentrierte Cloud-Architektur und offene Standards, die eine plattformunabhängige Lesbarkeit garantieren. Entscheidend ist eine lückenlose Daten-Governance und digitale Nachvollziehbarkeit – der sogenannte „Golden Thread“. Dieser stellt sicher, dass jede Entscheidung, Änderung und Baugrunduntersuchung von der ersten Entwurfsphase an auditierbar bleibt. Wenn Konstruktionszeichnungen und historische Anlagendaten strukturiert in der Cloud verwaltet werden, geht kein wertvolles Wissen beim Übergang vom Bau zum Betreiber verloren. So bleiben Informationen selbst nach Jahrzehnten für Wartung, Umbauten und die KI-gestützte Analyse ohne Signalverlust nutzbar.

B4T: In Infrastrukturprojekten kommen Daten aus vielen Quellen zusammen: Wie lassen sich BIM-Modelle, GIS-Daten, Vermessungsdaten, Punktwolken, Sensordaten und bestehende Dokumentationen zu einer gemeinsamen Sicht auf ein Projekt verbinden?

Peter Rummel: Die Zusammenführung heterogener Datenquellen gelingt über offene Plattformen wie beispielsweise die Bentley Infrastructure Cloud und unsere iTwin-Technologie, die als universelle Übersetzer agieren können. Anstatt Daten mühsam in ein einziges Format zu pressen, bringen wir Modell-, Baugrund-, GIS- und IoT-Daten in einem gemeinsamen räumlichen und zeitlichen Bezugsrahmen zusammen. Durch die Integration von KI-gestützten Schema-Mappings und Geospatial-Engines wie Cesium entsteht dann eine zentrale, hochpräzise Datenquelle als “Single Source of Truth“. Alle Projektbeteiligten, vom Geologen über den Tragwerksplaner bis hin zum Asset-Manager, greifen auf dasselbe Modell zu. Das reduziert Informationsverluste, verhindert doppelte Datenerfassungen und schafft die nötige Transparenz für verlässliche Entscheidungen im gesamten Lebenszyklus.

„Offenheit ist kein reines Software-Feature, sondern die grundlegende Voraussetzung für Investitionssicherheit, Datenschutz und die langfristige Souveränität von Anlagenbetreibern.“

Peter Rummel

B4T: Wie offen muss und kann denn so eine Plattform tatsächlich sein, damit Betreiber langfristig die Kontrolle über ihre Daten behalten und nicht von einzelnen Softwareanbieter abhängig werden?

Peter Rummel: Ein digitales Infrastruktur-Ökosystem muss so offen wie möglich sein, da Daten im öffentlichen Sektor und bei kritischen Infrastrukturen niemals in proprietären Systemen gefangen sein dürfen. Die Datenhoheit liegt immer allein beim Eigentümer der Asset-Daten. Diejenigen, die eine Infrastruktur langfristig betreiben, benötigen offene Schnittstellen (APIs) und herstellerunabhängige Standards, um Softwarelösungen verschiedener Anbieter flexibel miteinander kombinieren zu können. Verschlossene Ökosysteme erzeugen gefährliche Abhängigkeiten und hemmen die Innovation. Nur wenn Daten frei fließen und transparent auditierbar sind, können Unternehmen Bestandsdaten nahtlos mit neuen Technologien wie Agentic AI verknüpfen. Offenheit ist daher kein reines Software-Feature, sondern die grundlegende Voraussetzung für Investitionssicherheit, Datenschutz und die langfristige Souveränität von Anlagenbetreibern.

B4T:  Viele Unternehmen digitalisieren einzelne Projekte erfolgreich, schaffen aber noch keine durchgängige Datenstrategie für ihre gesamte Infrastruktur. Wie lässt sich sicherstellen, dass Projektdaten erhalten bleiben?

Peter Rummel: Erforderlich ist ein fundamentaler Strategiewechsel: Unternehmen müssen weg von punktuellen Projekt-Silos und hin zu einer unternehmensweiten, datenzentrierten Logik über den gesamten Lebenszyklus. Daten dürfen nicht mehr als Abfallprodukt der Bauphase betrachtet werden, sondern als strategische Ressource. Betreiber müssen standardisierte Datenprozesse und klare Governance-Regeln etablieren, die bereits bei der Planung ansetzen. Der Schritt zum intelligenten Asset-Management gelingt, wenn Projekt- und Bestandsdaten kontinuierlich mit Verkehrs-, Baugrund- und Betriebsdaten verknüpft werden. Durch den Einsatz von Asset-Analytics-Lösungen lassen sich Zustandsprognosen automatisieren, Investitionen zielgerichtet steuern und den Wert sowie die Ausfallsicherheit des gesamten Infrastruktur-Portfolios vorausschauend optimieren.

B4T:  Wenn Sie fünf Jahre in die Zukunft blicken: Wie wird sich die Art verändern, wie wir Infrastruktur planen, bauen, überwachen und betreiben? Welche Rolle werden BIM, Digital Twins und KI dabei spielen?

Peter Rummel: In fünf Jahren wird sich die Arbeitsweise von Ingenieuren grundlegend gewandelt haben: Sie agieren als Orchestratoren von spezialisierten KI-Agenten, die routinemäßige Zeichen- und Prüfaufgaben automatisieren. BIM liefert dabei das fundierte, regelbasierte Fundament, während digitale Zwillinge als dynamische Steuerungssysteme für ganze Städte und Netze dienen. KI wird vom reinen Werkzeug zum strategischen Beschleuniger, der komplexe Designvarianten, Baugrundrisiken und Umweltbelastungen in Echtzeit simuliert. Infrastruktur wird dadurch nicht nur schneller geplant und gebaut, sondern lernt im laufenden Betrieb kontinuierlich dazu. Dieser technologische Sprung ist die einzige Möglichkeit, den eklatanten Fachkräftemangel zu bewältigen und unsere gebaute Umwelt nachhaltig sowie klimaresilient zu gestalten.

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