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Vom Megaprojekt zum Standard: Wie Polen BIM vorantreibt

Zwischen Warschau und Łódź entsteht mit Port Polska ein neuer internationaler Flughafen, verbunden mit einem Hochgeschwindigkeitsbahn- und Straßennetz. Das Vorhaben gehört zu den ambitioniertesten Infrastrukturprogrammen Europas und wird von Beginn an digital organisiert. BIM, gemeinsame Datenumgebungen und offene Standards sollen Hunderte Projektbeteiligte zusammenbringen. 2026 ist das Land offizielles Partnerland der BIM World MUNICH.

29.09.2026 · 4 Min.

Luftaufnahme eines riesigen, modernen Flughafens bei Sonnenuntergang, mit sternförmigen Terminals, zahlreichen Flugzeugen und weitläufigen Startbahnen.Visualisierung: CPK / Port Polska
Zwischen Warschau und Łódź entsteht mit Port Polska ein neuer internationaler Flughafen. BIM ist wichtiger Bestandteil des Projekts.
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Noch ist auf dem Gelände zwischen Warschau und Łódź vom künftigen Flughafen wenig zu sehen. Derzeit geht es vor allem in die Tiefe. Im September wurden 94 Testpfähle für den späteren Passagierterminal fertiggestellt. Sie werden belastet und geprüft, bevor die eigentlichen Gründungsarbeiten beginnen. Mehr als 8.000 Pfähle und Säulen sollen später den Terminal tragen. Parallel laufen Erdarbeiten, das Gelände wird nivelliert, Baustraßen und technische Einrichtungen entstehen.

Die oberirdischen Dimensionen werden kaum kleiner. 2032 soll der neue Flughafen eröffnen und zunächst 34 bis 44 Millionen Passagiere jährlich abfertigen können. Doch der Airport ist nur ein Teil des Projekts „Port Polska“. Das gesamte staatliche Infrastrukturvorhaben umfasst Flughafen, Straßen, Logistik und Airport City.  Gleichzeitig soll der erste Abschnitt der neuen Hochgeschwindigkeitsbahn Warschau–Port Polska–Łódź eröffnen. Die geplante Y-Strecke verbindet auf rund 480 Kilometern später auch Poznań und Wrocław und wird für Geschwindigkeiten bis 350 km/h ausgelegt. Die vollständige Verbindung ist für 2035 vorgesehen. Für das Gesamtprogramm sind bis 2032 Investitionen von 131,7 Milliarden Złoty vorgesehen. Verantwortlich ist die staatliche Projektgesellschaft Centralny Port Komunikacyjny, kurz CPK.

Ein Megaprojekt als digitales Labor

CPK hat für das Megaprojekt ein eigenes digitales Informationsmanagement aufgebaut. Hunderte Planer, Bauunternehmen und weitere Projektbeteiligte müssen über viele Jahre hinweg mit denselben aktuellen Informationen arbeiten. Für CPK ist BIM deshalb weniger ein 3D-Werkzeug als ein System, das Daten und Prozesse von der Planung über den Bau bis zum späteren Betrieb zusammenführt. Die Organisation orientiert sich dabei unter anderem an der Normenreihe ISO 19650. BIM ist in den CPK-Projekten verbindlich und bereits Bestandteil von Informationsanforderungen und Ausschreibungen.

Zentrale Arbeitsumgebung ist während der Planung vor allem ProjectWise. Dort werden Modelle, Dokumente, Kommentare und Freigaben gemeinsam verwaltet. Die CDE ist damit nicht nur Dateiablage, sondern Teil der Zusammenarbeit zwischen CPK und seinen Auftragnehmern. Bereits im Frühjahr 2025 lagen nach Angaben von CPK mehr als zehn Millionen Dokumente in der gemeinsamen Datenumgebung

BIM soll Teil der öffentlichen Vergabe werden

Damit steht Port Polska exemplarisch für einen Weg, den Polen bereits seit Jahren konsequent in der öffentlichen Beschaffung und Vergabe beschreitet. Eine wichtige Rolle spielt die nationale Vergabebehörde Urząd Zamówień Publicznych, kurz UZP. Sie veröffentlicht Leitfäden und Arbeitshilfen, mit denen öffentliche Bauherren BIM-Anforderungen bereits in Ausschreibungen konkreter formulieren können.

2022 veröffentlichte die UZP einen Grundlagenleitfaden zu BIM im öffentlichen Beschaffungswesen. 2023 folgte eine Publikation zu Auftraggeber-Informationsanforderungen und damit zu der Frage, welche Modelle und Daten ein öffentlicher Bauherr bereits in seinen Vergabeunterlagen festlegen sollte. Mit dem BIM Standard PL stehen zudem ein Handbuch und Dokumentvorlagen zur Verfügung. Im Juni 2025 folgte ein Leitfaden, der das Informationsmanagement nach ISO 19650 direkt mit dem polnischen Vergaberecht verbindet.

Eine allgemeine BIM-Pflicht für öffentliche Bauprojekte gibt es in Polen nicht. Das Vergaberecht ermöglicht es öffentlichen Auftraggebern jedoch, BIM bei Bauleistungen und Wettbewerben verbindlich zu verlangen. Wird die Methode eingesetzt, können damit nicht nur Modelle bestellt, sondern auch die Regeln für Informationsaustausch und Zusammenarbeit festgelegt werden. ISO 19650 liefert dafür die Prozessstruktur.

Open BIM statt neuer Datensilos

Besonders anschaulich wird die digitale Arbeitsweise beim neuen Fernbahntunnel unter Łódź. Zwischen den Baugruben Retkinia und Fabryczna soll eine Tunnelbohrmaschine eine rund 4,6 Kilometer lange Röhre unter die Stadt treiben. Mit knapp 14 Metern Durchmesser wird es der größte polnische Eisenbahntunnel, der in einem Abschnitt mit einer Tunnelbohrmaschine gebaut wird. Die Strecke verläuft teilweise 25 bis 35 Meter unter dem Stadtzentrum. Der rund 2,2 Milliarden Złoty schwere Auftrag ging ging an den österreichischen Baukonzern PORR.

Bei dem Projekt treffen Tunnelbau, Geologie, Bahntechnik und vorhandene städtische Infrastruktur aufeinander. CPK und PORR setzen bei der digitalen Zusammenarbeit auf offene IFC-Modelle und eine gemeinsame Datenumgebung. Auf der openBIM Poland 2026 stellten beide Unternehmen diesen Arbeitsprozess vor: IFC ermöglicht den herstellerneutralen Modellaustausch, die CDE hält Modelle, Dokumente und Bearbeitungsstände für die Beteiligten zusammen. buildingSMART Polska unterstützt die Verbreitung solcher Open-BIM-Prozesse und bringt öffentliche Auftraggeber, Planer, Bauunternehmen und Softwareanbieter zusammen.

Polen und Deutschland stehen vor ähnlichen Fragen

Flächendeckender Standard ist BIM auch in Polen noch nicht. Interessant ist vielmehr die Richtung: Großprojekte, öffentliche Beschaffung, Informationsmanagement und offene Standards werden zunehmend miteinander verbunden.

Diese Erfahrungen bringt Polen auch in die europäische BIM-Debatte ein. Während der polnischen EU-Ratspräsidentschaft 2025 stellte CPK seine BIM-Praxis der EU BIM Public Officers Group vor. Im Mittelpunkt standen nicht theoretische Modellierungsfragen, sondern Erfahrungen aus dem laufenden Großprojekt, darunter die Zahl aktiver Verträge, Projektteams und Partner in der gemeinsamen Datenumgebung.

Exemplarisch führt Polen vor, wie sich die Rolle der öffentlichen Hand verändert. Sie ist nicht mehr nur Auftraggeber eines digitalen Modells. Sie definiert selbst, welche Daten sie braucht, wie diese geliefert werden und wie sie später nutzbar bleiben sollen. Genau dafür entstehen in Polen inzwischen Strukturen auf mehreren Ebenen: in Großprojekten wie Port Polska, bei der Vergabebehörde und in der Open-BIM-Community.

Deutschland steht vor einer ähnlichen Herausforderung. Nach Jahren mit Pilotprojekten muss BIM stärker in die regulären Abläufe von Auftraggebern, Vergaben und Projekten integriert werden. Polen setzt dafür sichtbar auf die Verbindung von ISO 19650, öffentlicher Beschaffung und Open BIM.

Auf der BIM World MUNICH bekommt dieser Vergleich 2026 einen eigenen Platz. Polen ist offizielles Partnerland der Veranstaltung und buildingSMART Poland ist mit einem eigenen Stand auf der Messe und mit einem Vortrag im Kongressprogramm vertreten.

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